Gerwani Archive
Researcher log in

← GA-02873

Feminismus als Klassenfrage, Teil I (Ita Fatia Nadia, südostasien 3/2020)

Cleaned OCR text (Fair (0.777); proof-reading: whole text (Claude, Oct 2026)). Old Indonesian spelling has been converted to modern EYD. [Unreadable] marks text that could not be recovered. English translation below.

Text

=== [PDF page 1] === 3 | 2020, Indonesien, Autor*innen: Ita Fatia Nadia Feminismus als Klassenfrage (Teil I) Gerwani Kongress im ostjavanischen Madiun 1955, screenshot aus dem Dokumentarfilm The women and the generals Indonesien: Mit GERWANI entstand in den 1950er Jahren eine der größten feministischen Organisationen der Welt. Sie verband den Kampf um Frauenrechte mit der Befreiung vom Kolonialismus und einer sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft. Die frühe Frauenbewegung in Indonesien entstand im Kontext der nationalen Befreiungsbewegung und wurde von nationalistischen, religiösen und sozialistischen Ideen beeinflusst. Die erste politische Frauenorganisation, Poetri Mardika, wurde 1912 auf der Insel Java gegründet und trat für die ‚nationale Emanzipation’ ein. Inspiriert von der feministischen Aristokratin Kartini, die unter dem niederländischen Kolonialismus Bildung für indigene Frauen forderte, folgten auf Poetri Mardika weitere Frauenorganisationen wie Poetri Sejati und Wanita Oetama. Diese Organisationen gaben Frauenzeitschriften heraus und sprachen sich gegen Kinderheirat und Polygamie aus. Zahlreiche religiöse Massenorganisationen entstanden nach dem Ersten Weltkrieg, als revolutionäre Bewegungen die Welt eroberten. Aisyah, eine Frauenorganisation unter der Islamischen Reformbewegung Muhammadiyah, wurde 1920 gegründet. Darauf folgte die Gründung katholischer und protestantischer Frauenorganisationen. Gleichzeitig entwickelte sich eine Reihe regional verankerter Frauenorganisationen auf den Molukken, Sulawesi und Sumatra. === [PDF page 2] === Die religiös orientierten Frauenorganisationen und die regionalen Gruppen teilten eine ähnliche Perspektive, die die Rolle der Frauen als ‚gute’ Ehefrau und Mutter betonte. Beliebte Aktivitäten waren Bildungskurse und das Beibringen von ‚typischen’ Fertigkeiten für Frauen wie Nähen, Kochen oder Kinderbetreuung. Diese Organisationen unterschieden sich hauptsächlich in ihrer Einstellung zur Polygamie. Die christlichen und regionalen Frauenorganisationen widersetzten sich der Polygamie, die sie als erniedrigend für Frauen betrachteten, während islamische Organisationen darauf abzielten, die Lage der Frauen in Polygamie-Ehen zu verbessern. Die Anfänge der sozialistischen Frauenbewegung Der sozialistische Flügel der Frauenbewegung hatte seinen Ursprung in der Radikalisierung der 1920er Jahre und insbesondere in der massenhaften Loslösung der linken Sarekat Rakyat (Volksunion) von der von Händlern dominierten Massenorganisation Sarekat Islam (Islamische Union). 1926 demonstrierten Arbeiterinnen, die Mitglieder der Sarekat Rakyat waren, in Semarang, um gleiche Löhne und eine gerechte Behandlung der Arbeiterinnen zu fordern. Die Eingliederung der Frauen in die Sarekat Rakyat war der Embryo der Beteiligung der Frauen an der linken und kommunistischen Bewegung. Viele Frauen waren 1926 an der kommunistischen Revolte gegen den niederländischen Kolonialismus beteiligt und wurden anschließend nach Boven Digul, einem Gefangenenlager in West-Irian [heute Westpapua], verbannt. Der erste nationale indonesische Frauenkongress, an dem dreißig Frauenorganisationen teilnahmen, fand im Dezember 1928 in Yogyakarta statt. Der Schwerpunkt des indonesischen Frauenkongresses lag auf der Beseitigung der Polygamie und des Frauen- und Kinderhandels und der Ausweitung von Bildung für Frauen. Es kam jedoch zu Differenzen mit islamischen Frauenorganisationen, die gegen gemischtgeschlechtliche Schulen waren und die Polygamie nicht abschaffen wollten. Ein wichtiges Ergebnis des Kongresses von Yogyakarta 1928 war die Gründung der Föderation der indonesischen Frauenorganisationen mit dem Namen Persatoean Perempoean Indonesia (PPI). 1929 wurde aus PPI die Indonesische Frauenvereinigung (PPII). PPII gab eine Zeitschrift heraus, um die Bildung von Frauen zu verbessern, und bildete einen Ausschuss zur Beseitigung des Frauen- und Kinderhandels. Während sich die meisten Frauenorganisationen auf die Bildung von Frauen und den Kampf gegen Polygamie konzentrieren, entstand 1930 die sozialistische Frauenorganisation Isteri Sedar (Erwachende Ehefrau), die sich auf den Kampf für nationale Emanzipation und Befreiung vom niederländischen Kolonialismus und auf antikapitalistische Strategien konzentrierte. Die Stimmen von Isteri Sedar für nationale Befreiung wurden beim Nationalen Frauenkongress in Jakarta und bei der Gründung des Indonesischen Frauenkongresses (KPI) lauter, der sich für die aktive Rolle von Frauen in der Politik und für die Unabhängigkeit Indonesiens einsetzte. [fragment from adjacent column:] Frauenaktivistinnen mit Präsident Sukarno, 1950 © Collectie Stichting Nationaal Museum van Wereldculturen, Wikimedia Commons CC-BY-SA-3.0 === [PDF page 3] === Der Frauenkongress KOWANI Nach der Ausrufung der indonesischen Unabhängigkeit 1945 suchten die männlichen nationalen Führer aktiv die Unterstützung der Frauenorganisationen. In der indonesischen Verfassung von 1945 wurden den Frauen gleiche Rechte eingeräumt. Nach dem Nationalen Frauenkongress in Klaten im Dezember 1945 und dem Kongress in Solo 1946 wurde der Indonesische Frauenkongress (KOWANI) gegründet. KOWANI war ein Zusammenschluss von Frauenorganisationen, die die Unabhängigkeit Indonesiens unterstützten. Neben der Unabhängigkeit des indonesischen Volkes forderte der indonesische Frauenkongress auch gleiche Bezahlung und Rechte für Arbeiterinnen, Änderungen des Eherechts, gleiche Ausbildung wie für Männer, sowie die Bekämpfung des Kinder- und Frauenhandels. Dieser gemeinsamere Kampf der Frauen, der sowohl antikolonial, antikapitalistisch und antipolygamisch war und der die Gleichberechtigung bei Bildung und beim Arbeitslohn zusammenbrachte erreichte 1950 seinen Höhepunkt, erlitt aber dann einen Rückschlag. Dies geschah, als die politischen Parteien 1955 Frauenflügel in ihren Parteien einrichteten, die als Mittel zur Sammlung von Stimmen von Frauen bei Wahlen eingesetzt werden sollten. Die Bildung von Frauenflügeln durch die politischen Parteien im Vorfeld der allgemeinen Wahlen 1955 führte zu scharfen Spannungen zwischen den muslimischen, nationalistischen und sozialistischen Frauenorganisationen. Die Aktivitäten der Frauenorganisationen wurden von parteipolitischen und religiösen, von Männern geführten Organisationen instrumentalisiert, was die Zusammenarbeit zwischen den Frauen selbst erschwerte. Die zunehmende Politisierung der Frauenbewegung wurde auch auf dem internationalen Parkett deutlich. Der indonesische Frauenkongress KOWANI trat 1946 der Internationalen Demokratischen Frauenföderation (IDFF) bei, hauptsächlich wegen der Unterstützung der IDFF für die Beendigung des Kolonialismus. Die IDFF wurde Ende November 1945 auf dem ersten internationalen Frauenkongress in Paris gegründet, einer Konferenz, an der über 800 Frauen aus 41 verschiedenen Ländern und mit unterschiedlichem Klassenhintergrund teilnahmen. Die Gründerinnen vertraten vier Hauptprinzipien: Antifaschismus, dauerhafter Frieden, Frauenrechte und bessere Bedingungen für Kinder. Sie waren besorgt über die negativen Auswirkungen, die der Krieg sowohl auf Frauen als auch auf Kinder hatte. Aufgrund von Einwänden muslimischer Frauenorganisationen gegen die sozialistische Ausrichtung des IDFF zog KOWANI 1949 jedoch seine Mitgliedschaft zurück. [fragment from adjacent column:] Der eindrucksvolle Dokumentarfilm The women and the generals schildert den Kampf der Frauenorganisation Gerwani und ihre Verfolgung während der Suharto-Diktatur, die Inhalt des zweiten Teils dieses Artikels sein wird. [fragment from adjacent column:] Marwani Pardede, Mitglied der Indonesischen Frauenbewegung (Gerakan Wanita Indonesia, GERWANI) spricht 1960 in Berlin (Ost) zu den Delegierten des VII. Bundeskongresses des Demokratischen Frauenbundes Deutschlands (DFD) © Bundesarchiv, Bild 183-78024-001 Der Aufstieg von GERWANI Im Juli 1950 gründeten etwa 500 Aktivistinnen – Mitglieder verschiedener Organisationen die gemeinsame Organisation GERWIS (Gerakan Wanita Indonesia Sedar, Bewegung der politisch bewussten Frauen). Ein Jahr später wurde auf dem ersten Kongress von GERWIS beschlossen, den Namen der Organisation in GERWANI (Gerakan Wanita Indonesia, Indonesische Frauenbewegung) zu ändern. GERWANI begann 1954 offiziell mit ihrem revolutionären Mandat. Sie kämpfte aktiv für die Gleichberechtigung der Frauen in der politischen Sphäre und engagierte sich in der neuen unabhängigen Nation mit vielen konkreten Programmen wie z.B. Kurse für Frauen in der Politik, Bekämpfung des Analphabetismus und die Einrichtung von Kindergärten. Als Mitglied des Indonesischen Frauenkongresses (KOWANI), arbeitete GERWANI mit anderen Frauenorganisationen mit unterschiedlichem politischen Hintergrund zusammen, um das Ehegesetz zu reformieren. Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre war GERWANI eine der größten Frauenorganisationen der Welt. Statt sich auf ‚Frauenthemen’ zu beschränken, organisierte GERWANI die Massen. Die größten Sektionen der GERWANI-Anhänger waren Bauern und arbeitende Frauen. GERWANI-Frauen gingen auf die Plantagen und sprachen mit den Arbeiterinnen über Schlüsselthemen wie Menstruationspausen, Mutterschaftsurlaub und Schikanen von Plantagenbesitzern. Dann begannen sie, gemeinsam mit den Frauen eine Kampagne zu diesen Themen zu führen, um ihre Situation zu verbessern und sie über ihre Rechte als Arbeiterinnen aufzuklären. GERWANI kümmerte sich auch um das Familienleben dieser Frauen und um Probleme im Zusammenhang mit Ehe, Scheidung und Polygamie. GERWANI spielte eine wichtige Rolle bei der Kampagne zur Reform des Ehegesetzes und bei der Forderung nach einer stärkeren Vertretung von Frauen in lokalen Regierungsorganisationen, die sich direkt mit Fragen wie Scheidung und Verlassen der Ehefrauen durch Ehemänner befassen. GERWANIs Kampagne, Frauen an nationalen politischen Aktivitäten zu beteiligen, verärgerte andere Frauenorganisationen, die sich auf soziale, Bildungs- und Gemeindeaktivitäten konzentrieren wollten. Die enge Beziehung zwischen GERWANI und der Kommunistischen Partei weckte den Verdacht, dass GERWANI die Parteipolitik über die Programme stellte, die mit der Unabhängigkeit und dem Wohlstand von Frauen zu tun hatten. GERWANI-Aktivistinnen wurden als Unterstützer der kommunistischen Parteipolitik angesehen, vor allem, als GERWANI sich am Agrargesetz beteiligte, um Land an die landlosen Bauern zu verteilen. Die Politik der Landverteilung war Teil des Programms der Kommunistischen Partei, die das Agrargesetz umsetzten versuchte. Dies rief den Zorn der Großgrundbesitzer hervor, von denen die meisten islamische Religionsführer waren. [fragment from adjacent column:] Die Vize-Vorsitzende des Demokratischen Frauenbundes Deutschlands (DFD), Wilhelmine Schirmer-Pröscher (rechts) begrüßt Marwani Pardede (2.v.l.) und Mastiti Soeprapto, beide Mitglieder des Zentralvorstandes von Gerwani und Delegierte beim VII. Bundeskongress des DFD 1960 in Berlin (Ost), Hauptstadt der DDR © Bundesarchiv, Bild 183-77986-0003, Leske, Peter / Wikimedia Commons CC-BY-SA 3 Eine sozialistische Ausrichtung GERWANI engagierte sich weiterhin beim IDFF, weil dessen Themen über die ‚Frauenthematik’ anderer Organisationen hinausgingen. GERWANI wandte sich zunehmend dem Kampf für die === [PDF page 5] === Rechte von Arbeiterinnen und gegen Preiserhöhungen zu. GERWANI setzte sich für den Frieden ein, indem sie Krieg als eine Beschneidung der Rechte der Frauen verstand. Sie forderte eine vollständige indonesische Unabhängigkeit und eine sozialistische Gesellschaft. Dies führte bei vielen Aktivistinnen von GERWANI zum Selbstverständnis einer ‚Vorhut der Frauenbewegung’. Bis Anfang der 1960er Jahre intensivierte sich die Beziehung zwischen GERWANI und dem IDFF. Mindestens sechs indonesische Frauen waren für einen Zeitraum von ein bis zwei Jahren im IDFF-Sekretariat in Ostberlin tätig. Viele dieser Frauen steuerten Artikel für die monatliche IDFF-Publikation Women of the Whole World bei. Darüber hinaus nahmen zahlreiche weitere indonesische Frauen an IDFF-Kongressen und an den Kongressen der Mitgliedsorganisationen auf der ganzen Welt teil und kamen durch ihre Reisen mit vielen Ideen in Berührung, die ihren Kampf für Frauenrechte relevant waren. Bis Oktober 1965 war GERWANI trotz Meinungsverschiedenheiten und Spannungen mit anderen Frauenorganisationen immer noch Teil der indonesischen Frauenbewegung. 1965 gab GERWANI selbst an, über 1,7 Millionen Mitglieder zu verfügen, die bis auf die Dorfebenen reichten. Mit einer so großen Mitgliederzahl, die sich über ein so großes Gebiet erstreckte, wurde GERWANI als politische Macht wahrgenommen. Zusammen mit dem indonesischen Frauenkongress, der 1962 in die Regierung der Nationalen Front eingetreten war, war GERWANI aktiv an verschiedenen Regierungsaktivitäten beteiligt, wie z.B. an der Operation des Dreifachen Volkskommandos zur Befreiung West-Irians und an der Kampagne Crush Malaysia, an der sie an der Ausbildung von Freiwilligen teilnahm. Die Massenbasis von GERWANI, die Art und Weise, wie sie einen intersektionellen Ansatz entwickelten, der Feminismus mit Klassenfragen verband, und die Radikalisierung und Politisierung ihrer Mitglieder sind bis heute eine Inspiration. Sie machte sie aber auch zur Zielscheibe schrecklicher Vergeltungsmaßnahmen und Gewalt durch das Militär und religiöse Organisationen. Die Zerschlagung von GERWANI und die brutale Verfolgung ihrer Mitglieder sind Thema des zweiten Teils dieses Artikels. Übersetzung aus dem Englischen von: Oliver Pye Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz

English translation

=== [Page 4] === ... were concerned about the negative effects that the war had on both women and children. Because of objections by Muslim women's organisations to the socialist orientation of the WIDF [IDFF], however, KOWANI withdrew its membership in 1949. The rise of GERWANI In July 1950 about 500 activists – members of various organisations – founded the joint organisation GERWIS (Gerakan Wanita Indonesia Sedar, Movement of Politically Conscious Women). A year later the first congress of GERWIS decided to change the name of the organisation to GERWANI (Gerakan Wanita Indonesia, Indonesian Women's Movement). GERWANI began officially with its revolutionary mandate in 1954. It fought actively for the equality of women in the political sphere and, in the new independent nation, committed itself with many concrete programmes such as courses for women in politics, combating illiteracy and the establishment of kindergartens. As a member of the Indonesian Women's Congress (KOWANI), GERWANI cooperated with other women's organisations of different political backgrounds in order to reform the marriage law. In the late 1950s and early 1960s GERWANI was one of the largest women's organisations in the world. Instead of limiting itself to "women's topics", GERWANI organised the masses. The largest sections of GERWANI's following were peasants and working women. GERWANI women went to the plantations and talked with the women workers about key issues such as menstruation leave, maternity leave and harassment by plantation owners. Then, together with the women, they began to conduct a campaign on these issues in order to improve their situation and to educate them about their rights as workers. GERWANI also took care of the family life of these women and of problems connected with marriage, divorce and polygamy. GERWANI played an important role in the campaign to reform the marriage law and in the demand for stronger representation of women in local government bodies that deal directly with questions such as divorce and the abandonment of wives by husbands. GERWANI's campaign to involve women in national political activities angered other women's organisations that wanted to concentrate on social, educational and community activities. The close relationship between GERWANI and the Communist Party aroused the suspicion that GERWANI put party politics above the programmes that had to do with the independence and prosperity of women. GERWANI activists were seen as supporters of communist party politics, above all when GERWANI took part in the agrarian law in order to distribute land to landless peasants. The policy of land distribution was part of the programme of the Communist Party, which tried to implement the agrarian law. This provoked the anger of the large landowners, most of whom were Islamic religious leaders. [Photo caption:] The vice-chair of the Democratic Women's League of Germany (DFD), Wilhelmine Schirmer-Pröscher (right) welcomes Marwani Pardede (2nd from left) and Mastiti Soeprapto, both members of the Central Board of Gerwani and delegates at the 7th Federal Congress of the DFD in 1960 in Berlin (East), capital of the GDR. © Bundesarchiv, Bild 183-77986-0003, Leske, Peter / Wikimedia Commons CC-BY-SA 3. A socialist orientation GERWANI continued to be active in the WIDF [IDFF] because its themes went beyond the "women's agenda" of other organisations. GERWANI turned increasingly to the struggle for the ...