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Das Stigma der wilden Weiber in Indonesien (Anett Keller, 2016)

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Text extracted Oct 2026 (pdftotext; scanned pages OCR'd with Tesseract eng — Indonesian/Dutch OCR errors remain). === [PDF page 1] === Das Stigma der »wilden Weiber« in Indonesien Anett Keller März 2016 Während der antikommunistischen Massenmorde in Indonesien Mitte der 1960er Jahre fand auch eine gezielte und systematische Vernichtung von Frauen statt. Die geschlechtsspezifischen Aspekte der Gewalt werden bis heute wenig beachtet. Am Morgen des ersten Oktober 1965 ereignete sich in Jakarta das, was der kanadische Historiker John Roosa als »pretext for mass murder«1 bezeichnet. Sieben ranghohe Militärs wurden entführt und ermordet. Die Täter – ebenfalls Militärs – handelten nach eigenen Angaben, um einen Putschversuch gegen Präsident Sukarno zu verhindern. Dieser Putsch folgte dennoch. Generalmajor Suharto entmachtete (mit tatkräftiger Unterstützung des Westens2) Sukarno schleichend und schrieb die Schuld am Mord an den sieben Militärs der Kommunistischen Partei zu. Suharto ließ alle linken Kräfte im Land gnadenlos verfolgen. Zivile Gruppen wurden mit Propaganda der Militärmedien aufgehetzt und ermordeten und verhafteten – Hand in Hand mit den Militärs – vermeintliche und tatsächliche Linke. Schätzungen beziffern die Zahl der Toten zwischen 500.000 und drei Millionen. Weitere Hunderttausende Menschen wurden verhaftet und meist ohne Gerichtsverfahren und häufig für mehr als zehn Jahre in Gefängnisse verschleppt. Erst nach wachsendem internationalem Druck wurden Ende der 1970er Jahre die meisten politischen Gefangenen frei gelassen. Doch sie hatten mit fortgesetzter staatlicher Diskriminierung zu kämpfen (Stempelvermerke im Ausweis, Meldepflicht bei Behörden). Auch gesellschaftlich wurden diese Menschen als »nicht sauber« von ihrem sozialen Umfeld weiter diskriminiert. Seit dem Rücktritt Suhartos 1998 haben die ehemals politisch Verfolgten mehr Möglichkeiten, ihre Stimme zu erheben. Eine Vielzahl von Büchern zum Thema »1965« ist seitdem erschienen, Opfergruppen formieren sich, WissenschaftlerInnen, AktivistInnen, KünstlerInnen widmen sich der Aufarbeitung der dunklen Vergangenheit. Während auf staatlicher Seite wenig Wille zur Anerkennung des Leids der Opfer sichtbar ist, beeindruckt die Vielzahl der Aktivitäten auf zivilgesellschaftlicher Ebene. [Page footer:] Blickwechsel | März 2016 Seite 1 === [PDF page 2] === Marginalisiert und verteufelt Bislang haben die speziellen Erfahrungen der weiblichen Opfer des Suharto-Regimes vergleichsweise wenig Beachtung erfahren. Dabei war gerade die gezielte Hetzkampagne gegen Aktivistinnen (v. a. der Frauenorganisation Gerwani) ein zentrales Element von Suhartos psychologischer Kriegsführung gegen die Linke. Über Militärmedien wurde das Gerücht gestreut, Frauen der Organisation Gerwani (Gerakan Wanita Indonesia) hätten den entführten und ermordeten Militärs die Penisse abgeschnitten, ihnen die Augen ausgestochen und seien nackt um ihre Leichen herum getanzt. Das anders lautende Autopsieergebnis (die Ermordeten hatten Schürf- und Schusswunden, aber ansonsten intakte Körper) erreichte die Öffentlichkeit nicht. Als »Beweis« für den angeblichen sexuellen Sadismus der Gerwani-Mitglieder dienten unter Folter erzwungene Geständnisse verhafteter Frauen. »Auf Java gibt es einen starken Glauben daran, dass Teuflisches ausgetrieben werden muss. Dieser Glaube wurde von Suharto aktiviert, indem er die Kommunisten als Teufel darstellte. Und wie hätte das besser funktionieren können, als über den ›Unterleib‹ der Gesellschaft, über ihre sexuellen Ängste?«, so die holländische Anthropologin Saskia Wieringa im schwedischen Dokumentarfilm »The women and the generals«3. Den Einfluss, den die vom Militär gesteuerten Massenmedien vor und während der Massaker von 1965 mit ihren Falschmeldungen ausübten, thematisiert auch der indonesische Dokumentarfilm »Kado untuk Ibu«4 (Geschenk für Mutter). Der Film zeigt Bilder vom Pancasila-Monument in Jakarta, einem zentralen Element der Suharto-Geschichtsschreibung. Dort findet sich auf einem Relief die Darstellung von Gerwani-Frauen, die in freizügiger Kleidung tanzen, während die entführten Generäle gefoltert werden. Die Angst schürende Kampagne gegen die vermeintliche Grausamkeit der Linken allgemein und der Gerwani-Frauen im Besonderen (angeblich benutzten sie Rasierklingen, um ihre Opfer zu verstümmeln) wurde auch mit dem Propagandafilm »Pengkhianatan G30S/PKI«5 (Der Verrat der Bewegung 30. September/PKI) dauerhaft in die Köpfe der jüngeren IndonesierInnen gepflanzt. Dieser Film, der KommunistInnen als staatsfeindlich, blutrünstig und grausam darstellt und Suharto als Retter der Nation, war ab Mitte der 1980er Jahre Pflichtprogramm für Schulkinder. Geschichte der Gerwani Militärs und konservativen zivilen Kräften waren die selbstbewussten und nach Sozialismus strebenden Frauen von Gerwani schon lange vor 1965 ein Dorn im Auge gewesen. Die 1950 gegründete Organisation begnügte sich nicht mit »sozialen Aufgaben«, sondern verknüpfte den Kampf für Gleichberechtigung der Frauen mit der Klassenfrage. Die Gerwani-Gründerinnen hatten bereits mit der Waffe oder in unterstützenden Diensten gegen die Kolonialmacht Holland gekämpft. Gerwani engagierte sich in der jungen Republik Indonesien gegen Polygamie und häusliche Gewalt, brachte Analphabetinnen Lesen und Schreiben bei und gründete Kindergärten. »Indonesien brauchte damals eine revolutionäre Frauenorganisation«, so Lestari, ehemalige Gerwani-Aktivistin. »Demokratie ist doch nicht zu verwirklichen mit einem Volk, das nicht lesen und schreiben kann. Frauen hatten damals kaum Bewusstsein für Gleichberechtigung.«6 Die Gerwani-Frauen stritten an der Seite der Bauern für Landreformen, mit Gewerkschaftern für Arbeiterrechte und waren auch international bestens vernetzt, zum Beispiel mit der Internationalen Demokratischen Frauenföderation in Ostberlin, wohin sie regelmäßig Mitglieder entsandten. »Die Einigkeit unabhängig von Klassenunterschieden, religiösen Ansichten oder Ethnien und ihr Ansatz, bis in entfernte Dörfer Frauen einzubinden, machte Gerwani schnell zu einer starken politischen Macht, sowohl was die Masse ihrer Mitglieder als auch ihren Einfluss anging.«7 Mit Suhartos Konterrevolution war auch die Zeit der Rache an den progressiven Frauen gekommen. Sie wurden gezielt verfolgt, verhaftet, vergewaltigt. Häufig begannen die gewaltsamen Übergriffe auf Frauen mit der »Suche« nach einem »Hammer-und-Sichel-Tattoo«, das angeblich alle Gerwani-Mitglieder am Körper trugen – ein weiteres Gerücht, das in der Bevölkerung die Runde gemacht hatte. [Page footer:] Seite 2 Blickwechsel | März 2016 === [PDF page 3] === Eine Überlebende, die aus Sicherheitsgründen anonym aussagte, schilderte im November 2015 vor dem Internationalen Völkertribunal (IPT 1965) die [Unreadable]: »Sie zogen mich aus und sie zwangen mich, auf einen Tisch zu steigen. Ich sollte zugeben, dass ich Teil des politischen Widerstandes bin. ›Nein‹, sagte ich. Sie zündeten mein Schamhaar an. Ich rief Jesus an. Das machte sie nur noch wütender. Du bist doch Atheistin, was redest Du über Jesus! Sie drehten den Tisch, so dass ich herunterfiel. Sie schleiften mich zur Wand und schlugen mich. […] Wieder wurde ich ausgezogen. Männer hielten mich fest und zwangen mich, ihre Penisse in den Mund zu nehmen. Dann zerrten sie an meinen Haaren und traten meinen Körper. Ich wurde bewusstlos und wachte erst in meiner Zelle wieder auf.«8 Systematische Sippenhaft Die Grausamkeit der Militärs und Milizen richtete sich nicht nur gegen linke Aktivistinnen von Gerwani, Gewerkschaften oder Bauernverbänden. Oft wurden auch die weiblichen Familienangehörigen Ermordeter oder Inhaftierter gefoltert und vergewaltigt. Frauen wurden zum Teil über Jahre von Militärs zu sexuellen Handlungen gezwungen. Manche von ihnen wurden von ihren Familien zur »Ehrenrettung« zu Ehen mit ihren Vergewaltigern genötigt. So zum Beispiel Supiyah aus Blitar, Witwe und Mutter eines kleinen Kindes, die gezwungen wurde, als Köchin im örtlichen Militärposten zu arbeiten. Einer der Militärs namens Sukiman forderte, sie solle seine sexuellen Wünsche erfüllen, sonst wären sie und ihre Familie nicht mehr sicher. »Ich fühlte mich schon halb vergewaltigt. Ich weinte. Würde ich nicht nachgeben, würde er mich umbringen. Würde ich nachgeben, wie würde ich mich dann fühlen? Das waren doch die Mörder meines Mannes.«9 Zwei Männer entschieden über Supiyahs Zukunft: Ihr Vergewaltiger und ihr Vater, der schließlich darauf bestand, dass Sukiman und Supiyah heirateten. Die indonesische Historikerin Anna Mariana hat für ihr Buch »Perbudakan Seksual« (Sexuelle Versklavung) Parallelen zwischen der systematischen Gewalt gegen Frauen während der japanischen Besatzungszeit (1942–1945) sowie durch indonesische Militärs und zivile Mitläufer 1965 untersucht. Als Folge einer »faschistischen Ideologie, die Frauen zu Objekten und zu Bürgern zweiter Klasse macht«10, sei in beiden Phasen der indonesischen Geschichte massive Gewalt an Frauen »ein systematischer Bestandteil staatlicher Entscheidungen« gewesen, so Mariana. So wie die als »Trostfrauen« im Zweiten Weltkrieg von japanischen Soldaten missbrauchten Indonesierinnen, seien während und nach 1965 erneut systematisch Frauen zum Objekt gemacht worden – diesmal im von Suharto ausgerufenen Krieg gegen die Kommunisten. 1971 wurde vom Kommando zur Wiederherstellung von Sicherheit und Ordnung (Kopkamtib) das Frauenlager Plantungan eröffnet. Der Staat nutzte die Baracken einer ehemaligen Leprastation, um rund 5.000 weibliche politische Häftlinge zu internieren. Das Lager wurde strengstens bewacht. Die Frauen mussten Zwangsarbeit verrichten und wurden auch sexuell versklavt. Ein Gedicht zeugt von der fortgesetzten Diskriminierung und Gewalt, der Frauen im Gefängnis Plantungan ausgesetzt waren: [fragment from adjacent column (book sidebar):] Yayak Yatmaka (dkk): Gerwani, Sejarah untuk Pemula / Die Geschichte der indonesischen Linken für Anfänger (Ultimus, 2015) [Page footer:] Blickwechsel | März 2016 Seite 3 === [PDF page 4] === In Plantungan, in diesem kalten Dorf, in alten, schmutzigen Baracken, in einer ehemaligen Leprastation, bewohnt von Schlangen, Würmern und Insekten, werden wir registriert als Gerwani-Mitglieder oder als Anhänger der Gerwani oder als nichts-mit-Gerwani-zu-tun-habende werden als Gefangene zusammengepfercht, »Ihr seid zur Strafe hier, weil ihr keine Moral habt, weil ihr euch traut, den Generälen die Penisse abzuschneiden und die Augen auszustechen«, sagt der Aufseher, der gerne die weiblichen Häftlinge vergewaltigt und schwängert.11 Dort, wo es direkte Begegnungen zwischen politischen Häftlingen und der »Außenwelt« geben konnte, war es offenbar zum Teil möglich, die weit verbreiteten Vorurteile gegenüber den weiblichen Inhaftierten abzubauen. So gibt es beispielsweise Berichte über eine im Frauengefängnis Plantungan eingerichtete Poliklinik, in der auch PatientInnen »von draußen« behandelt wurden und deren Ärztinnen und Krankenschwestern – allesamt politische Häftlinge – in der Umgegend einen ausgezeichneten Ruf genossen.12 Viele der wegen angeblicher »Beteiligung an der Tat vom 30. September« inhaftierten Frauen wurden erst nach mehr als zehn Jahren frei gelassen. Das bedeutete jedoch nicht für alle das Ende ihres Leidensweges. Manche wurden von Militärs als Sklavinnen mit nach Hause genommen. Manche litten unter der Gewalt ihrer ebenfalls aus dem Gefängnis heim gekehrten und ebenfalls schwer traumatisierten Ehemänner. Meldepflicht und Stempelvermerk grenzten ihren Bewegungsradius ein. In vielen Fällen wurden sie von ihrer Familie verstoßen bzw. von ihrem sozialen Umfeld stigmatisiert. Domestizierung der Frauen »Die Militärkampagne hatte nicht nur das Ziel, die Frauenbewegung zu zerstören, sondern sie reichte noch weiter: Sie sollte Angst schüren unter Indonesiens Frauen, Angst vor jeglicher Betätigung außerhalb von Haus und Herd, Angst vor Betätigung in Bereichen, die notabene Männerbereiche waren«, analysiert die Dokumentation »Kado utk Ibu«. Von den emanzipatorischen Ideen der 1950er und frühen 1960er Jahre war in Suhartos »Neuer Ordnung« keine Rede mehr. »Eine feudale, paternalistische Kultur und ein unbedingten Gehorsam erzwingender Militarismus gingen fortan eine Symbiose ein. Das traditionelle Bild von Frauen, die ihre Körper unter Kontrolle halten und sich zu benehmen wissen, wurde wiedererweckt und mit Regierungsentscheidungen und dem Schaffen von (Ehe-) Fraueninstitutionen gestärkt.«13 »Staats-Ibuismus«14 (Ibu = Mutter) hat die Publizistin Julia Suryakusuma die autoritäre Frauenpolitik der Suharto-Jahre genannt – angelehnt an den Begriff des »Bapakismus« (Bapak = Vater). »Der Staat definierte die Rolle der Frau als Mutter der Nation, umsorgende Familienmutter im Haushalt und liebende Ehefrau. Gerechtfertigt wurde diese Rolle biologistisch mit der ›natürlichen Bestimmung‹ (kodrat) der Frau als Mutter und Ehefrau. Die Rolle des Mannes wurde mit Stärke, Führungskraft und Macht in Verbindung gebracht. Seit 1974 sind diese Rollen im Ehegesetz festgeschrieben.«15 Die Folgen der Zerschlagung der politischen Linken und der Domestizierung der Frauen sind in Indonesien bis heute spürbar. Bis heute werden herrschaftskritische Menschen schnell als »neue Kommunisten« gebrandmarkt, werden selbstbewusste Frauen als »Gerwani-Huren« bezeichnet. Selbst in Frauenorganisationen gibt es Berührungsängste, sich auf die Bewegungstradition von Gerwani zu beziehen, auch wenn es in progressiven indonesischen Medien in den letzten Jahren einige Berichte über die Leistungen der traditionsreichen Frauenorganisation gab. Für die Überlebenden des Massenmordes 1965 ff. ist es nach wie vor schwer, mit ihren leidvollen Erfahrungen an die Öffentlichkeit zu treten. Umso wichtiger sind geschützte Räume, die von AktivistInnen geschaffen wurden, um den Überlebenden die Möglichkeit zu geben, ihre Erfahrungen mitzuteilen und VertreterInnen der jüngeren Generation in die Lage versetzen, sich ein eigenes Bild der Geschichte zu machen. Initiativen wie das oral-history-Projekt Lingkar Tutur Perempuan (Kreis der erzählenden Frauen) oder die Treffen von VertreterInnen aus Opfer- und Täterfamilien im Rahmen der Aktivitäten der Versöhnungsinitiative Syarikat16 konnten zwar bislang kaum in die Mehrheitsgesellschaft ausstrahlen, dennoch sind sie ein wichtiger Anfang auf dem Weg zur gesellschaftlichen Anerkennung des Leids der Opfer. [Page footer:] Seite 4 Blickwechsel | März 2016 === [PDF page 5] === [fragment from adjacent column (book sidebar):] Surya Wirawan: Perempuan pengobar semangat / Frauen erschaffen die Lebenskraft, aus [Unreadable]; Keller, Indonesien 1965 ff. – Die Gegenwart (regiospectra, 2015) Das Erbe des Militarismus der Suharto-Zeit und ein wachsender religiöser Fundamentalismus gehen im Indonesien der Gegenwart eine unheilvolle Verbindung ein, die die Aufarbeitung der Verbrechen von 1965 erschwert. Der Staat zeigt an dieser Aufarbeitung ohnehin wenig Interesse. Die Übergabe eines Berichts der Nationalen Frauenkommission im Jahr 200717 blieb ebenso folgenlos wie der Bericht der Nationalen Menschenrechtskommission 2012.18 So lange das 1966 als Gesetz erlassene Kommunismusverbot in Kraft ist, sehen sich Schlägerbanden sogar im Recht, wenn sie gewaltsam Treffen von Überlebenden sprengen oder kritische Veranstaltungen mit dem Vorwurf der »neuen kommunistischen Gefahr« verhindern. Internationale Aufmerksamkeit erfuhr das Leid der Opfer von 1965 im November 2015, als der indonesische Staat vor dem Internationalen Völkertribunal 1965 (IPT 1965) wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt wurde. Sexuelle Gewalt ging als Anklagepunkt 5 beim IPT 1965 in die Anklageschrift ein. Dort heißt es: »Weit verbreitete sexuelle Gewalt, darunter Vergewaltigung, Sexuelle Folter, Sexuelle Versklavung und erzwungene Abtreibungen wurde während der Massaker und Massenverhaftungen nach dem 1. Oktober 1965 verübt. […] Die sexuelle Gewalt war Teil eines weit reichenden und systematischen Angriffs gegen Zivilisten, die Mitglieder oder Anhänger der PKI waren oder dafür gehalten wurden […] Der indonesische Staat ist international verantwortlich für Sexuelle Gewalt als Verbrechen gegen die Menschlichkeit.«19 In ihrem Abschlussstatement als Vertreterin der Anklage zitierte die deutsche Anwältin Silke Studzinsky den Ausschwitz-Überlebenden Jean Améry: »Wer gefoltert wurde, bleibt gefoltert.« Die Überlebenden, so Studzinsky, müssten täglich mit ihren Erinnerungen umgehen. »Sie wollen als Opfer furchtbarer Verbrechen anerkannt werden und sie wollen Zeugnis ablegen für den unbegreiflichen Umgang mit ihnen, der sie ihrer Menschenwürde beraubt hat. Sie fragen: ›Warum wurde ich ausgewählt, um verhaftet, gefoltert, versklavt zu werden. Ich habe doch nichts verbrochen.‹«20 Eine Demilitarisierung der Geschichte, »vor allem in Bezug auf die in Schulen verwendeten Unterrichtsmaterialien«, fordert die indonesische Historikerin Ayu Ratih. »In Bezug auf 1965 brauchen wir eine neue Konnotation des Wortes ›Gerwani‹, eine, die das Stigma beseitigt, das auf den Gerwani-Frauen lastet. An dessen Stelle sollte die historische Realität des Kampfes von Gerwani vermittelt werden, der Teil unserer Geschichte ist, der uns Achtung einflößen kann und von dem wir viel lernen können.«21 [Page footer:] Blickwechsel | März 2016 Seite 5 === [PDF page 6] === Anmerkungen 1 John Roosa (2006): Pretext for mass murder: The September 30th movement and Suhartos Coup d'Etat in Indonesia, University of Wisconsin Press 2 Anett Keller: Indonesiens Opfer, LMD 8.10.2015, http://monde-diplomatique.de/artikel/!5235790, Rainer Werning: Putsch nach Pütschchen, junge welt, 1.10.2015, https://www.jungewelt.de/loginFailed.php?ref=/2015/10-01/001.php 3 Maj Wechselman, 2013, https://vimeo.com/119472614 4 Syarikat, 2004, https://www.youtube.com/watch?v=cpd4WJuzS3E 5 Pusat Produksi Film Negara, 1984, https://www.youtube.com/watch?v=xwHWni_PnnY 6 Anett Keller: Frau L's Kampf um Gerechtigkeit, taz, 18.4.2012 7 I Gusti Agung Ayu Ratih, S. 96 in Anett Keller (2015) Indonesien 1965 ff. – Die Gegenwart eines Massenmordes, regiospectra 8 Anett Keller: (K)ein politischer Genozid, junge welt 23.11.2015 9 Kejahatan terhadap perempuan, S. 135 f. in Elsam (2012) Pulangkan Mereka! Merangkai ingatan penghilangan paksa di Indonesia (Übersetzung: A. Keller) 10 Anna Mariana: Perbudakan Seksual – Perbandingan antara masa fasisme Jepang dan neofasisme Orde Baru, Marjin Kiri, 2015, S. 164 ff. 11 H. D. Haryo Sasongko, zitiert nach Anna Mariana (2015) Perbudakan Seksual, S. 146/147 (Übersetzung: A. Keller) 12 »Plantungan« (Dokumentarfilm, LKK 2011), sowie Sumiyarsi Siwirini: Plantungan: Pembuangan Tapol Perempuan, PusDep, 2011 13 I Gusti Agung Ayu Ratih in Keller, 2015, S. 101 14 Julia Suryakusuma: State Ibuism/Ibuisme Negara (zweisprachige Ausgabe), Komunitas Bambu 2011 15 Genia Findeisen/Kristina Großmann/Mechthild von Vacano: Umkämpfte Gendernormen, in Gunnar Stange/Rolf Jordan/Kristina Großmann: Handbuch Indonesien, S. 143, Horlemann 2015 16 Zu beiden Initiativen vgl. Ayu Ratih, in Keller (2015) S. 105/106 sowie Budiawan, ebd. S. 199 ff. 17 Komnas Perempuan: Gender-based crimes against humanity: Listening to the voice of women survivors of 1965, (2007) http://lib.ohchr.org/HRBodies/UPR/Documents/session13/ID/Komnas_Perempuan_UPR_IDN_S13_2012_KomnasPerempuan_Annex8_E.pdf 18 Pernyataan Komnas HAM tentang hasil penyelidikan pelanggaran HAM yang berat Persitiwa 1965-1966, http://www.komnasham.go.id/sites/default/files/dok-publikasi/EKSEKUTIF%20SUMMARY%20PERISTIWA%201965.pdf 19 http://1965tribunal.org/wp-content/uploads/2015/11/presskit_indictment.pdf, S. 12 20 http://1965tribunal.org/1965-tribunal-hearings-closing-statement-prosecutors/ 21 I Gusti Agung Ayu Ratih, ebd. S. 109/110 Über die Stiftung Asienhaus Die Stiftung Asienhaus trägt dazu bei, Brücken zwischen Zivilgesellschaften in Asien und Europa zu bauen. Sie setzt sich ein für die Verwirklichung der Menschenrechte, für die Stärkung gesellschaftlicher und politischer Teilhabe, sowie für soziale Gerechtigkeit und den Schutz der Umwelt. Über die Autorin Anett Keller hat in Leipzig und Yogyakarta Journalistik, Politikwissenschaft und Indonesisch studiert. Von 2009 bis 2014 berichtete sie aus Indonesien für Medien in Deutschland, Österreich und der Schweiz. 2015 erschien das von ihr herausgegebene politische Lesebuch: Indonesien 1965 ff. – Die Gegenwart eines Massenmordes (regiospectra). Anett Keller ist Vorstandsmitglied der Südostasien-Informationsstelle. Impressum V.i.S.d.P.: Monika Schlicher | Stiftung Asienhaus, Hohenzollernring 52 | 50672 Köln | Germany | Tel. 0221-71 61 21-0 Gesamtausstattung: Klartext Medienwerkstatt GmbH (www.k-mw.de)

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=== [Page 3] === [Note: the OCR of this page is interleaved from several columns; the main text is reassembled below.] ... had been circulating among the population. A survivor, Yayak Yatbende [pseudonym], who testified anonymously for security reasons, described in November 2015 before the International People's Tribunal (IPT 1965) the violence done to her: "They undressed me and forced me to climb onto a table. I was supposed to admit that I was part of the political resistance. 'No,' I said. They set my pubic hair on fire. I called on Jesus. That only made them angrier. 'You are an atheist, what are you saying about Jesus!' They turned the table so that I fell off. They dragged me to the wall and beat me. […] Again I was undressed. Men held me down and forced me to take their penises into my mouth. Then they pulled my hair and kicked my body. I lost consciousness and only woke up again in my cell."8 Systematic kin liability [Sippenhaft] The cruelty of the military and militias was directed not only against left-wing activists of Gerwani, trade unions or peasant associations. Often the female relatives of murdered or imprisoned people were also tortured and raped. Women were in some cases forced by military men to perform sexual acts over years. Some of them were coerced by their families into marriages with their rapists to "save the family honour". For example Supiyah from Blitar, a widow and mother of a small child, who was forced to work as a cook at the local military post. One of the soldiers, called Sukiman, demanded that she satisfy his sexual desires, otherwise she and her family would no longer be safe. "I already felt half raped. I cried. If I did not give in, he would kill me. If I gave in, how would I feel? These were the murderers of my husband."9 Two men decided Supiyah's future: her rapist and her father, who finally insisted that Sukiman and Supiyah marry. The Indonesian historian Anna Mariana, in her book "Perbudakan Seksual" (Sexual Slavery), investigated parallels between the systematic violence against women during the Japanese occupation (1942–1945) and that by the Indonesian military and civilian followers in 1965. As a consequence of a "fascist ideology that makes women into objects and second-class citizens"10, massive violence against women had in both phases of Indonesian history been "a systematic component of state decisions", says Mariana. Just as Indonesian women abused by Japanese soldiers as "comfort women" in the Second World War, women were again systematically made into objects during and after 1965 – this time in the war against the communists proclaimed by Suharto. In 1971 the women's camp Plantungan was opened by the Command for the Restoration of Security and Order (Kopkamtib). The state used the barracks of a former leprosy station to intern some 5,000 female political prisoners. The camp was strictly guarded. The women had to perform forced labour and were also sexually enslaved. A poem bears witness to the continued ... [Sidebar, book notice:] Yayak Yatbende ... (dkk): Sejarah Gerakan Kiri untuk Pemula / The History of the Left (Indonesian Left) for Beginners (Ultimus, 2015) Blickwechsel | March 2016 Page 3 === [Page 5] === [Note: the OCR of this page is interleaved from several columns; the main text is reassembled below.] ... initiatives such as the oral-history project Lingkar Tutur Perempuan (Circle of Women Narrators) or the meetings of representatives from victim and perpetrator families within the activities of the reconciliation initiative Syarikat16 have so far hardly radiated into the majority society, yet they are an important first foothold on the way to social recognition of the victims' suffering. [Sidebar, book notice:] Surya Wirawan: Perempuan pengobar semangat / Women create the life force, from ... Anett Keller, Indonesien 1965 ff. – Die Gegenwart sexueller Gewalt als Verbrechen eines Massenmordes (regiospectra, 2015) [Indonesia 1965 ff. – The Present of Sexual Violence as the Crime of a Mass Murder] Sexual violence as a crime against humanity The legacy of the militarism of the Suharto era and a growing religious fundamentalism are entering an ominous alliance in present-day Indonesia that makes it harder to come to terms with the crimes of 1965. The state shows little interest in this reckoning anyway. The handover of a report by the National Commission on Violence against Women in 200717 remained as inconsequential as the report of the National Human Rights Commission in 2012.18 As long as the ban on communism, enacted as law in 1966, remains in force, thugs even consider themselves in the right when they violently break up meetings of survivors or prevent critical events with the accusation of a "new communist danger". The suffering of the victims of 1965 received international attention in November 2015, when the Indonesian state was accused before the International People's Tribunal 1965 (IPT 1965) of crimes against humanity. Sexual violence entered the indictment as charge 5 at the IPT 1965. It states: "Widespread sexual violence, including rape, sexual torture, sexual slavery and forced abortions, was committed during the massacres and mass arrests after 1 October 1965. […] The sexual violence was part of a far-reaching and systematic attack against civilians who were or were thought to be members or supporters of the PKI […] The Indonesian state is internationally responsible for sexual violence as a crime against humanity."19 In her closing statement as a representative of the prosecution, the German lawyer Silke Studzinsky quoted the Auschwitz survivor Jean Améry: "Whoever was tortured, stays tortured." The survivors, Studzinsky said, had to deal with their memories every day. "They want to be recognised as victims of terrible crimes and they want to bear witness to the incomprehensible way they were treated, which robbed them of their human dignity. They ask: 'Why was I chosen to be arrested, tortured, enslaved? I did nothing wrong.'"20 A demilitarisation of history, "above all with regard to the teaching materials used in schools", is demanded by the Indonesian historian Ayu Ratih. "With regard to 1965 we need a new connotation of the word 'Gerwani', one that removes the stigma that weighs on the Gerwani women. In its place the historical reality of the struggle of Gerwani should be conveyed, which is part of our history, which can inspire respect in us and from which we can learn much."21 Blickwechsel | March 2016 Page 5