Frau L's Kampf für Gerechtigkeit: Die 80-jährige Lestari wünscht sich, dass niemand mehr Angst vor ihr hat (Keller, 2012)
Cleaned OCR text (Poor (0.315); proof-reading: whole text (Claude, Oct 2026)). Old Indonesian spelling has been converted to modern EYD. [Unreadable] marks text that could not be recovered. English translation below.
Text
PDF: 02 Secondary Sources/2.5 Journalism, Web Essays and Reference/Keller (2012) - Frau L's Kampf fuer Gerechtigkeit, Die 80-jaehrige Lestari wuenscht sich, dass niemand mehr Angst vor ihr hat.pdf
Text from the PDF text layer; pages marked "re-OCR'd Oct 18 2026" were re-OCR'd with Tesseract because the text layer scored Poor. OCR errors remain.
=== [PDF page 1] ===
von Anett Keller
Die Autorin berichtet als freie Journalistin aus Indonesien. Sie ist erreichbar unter anettkeller@ymail.com
Frau L's Kampf für Gerechtigkeit
Die 80-jährige Lestari wünscht sich, dass niemand mehr Angst vor ihr hat
1965 fand in Indonesien einer der größten Massenmorde des 20. Jahrhunderts statt. Hunderttausende Kommunisten wurden getötet, weitere Hunderttausende inhaftiert. Keiner der Täter wurde je zur Rechenschaft gezogen.
Im weiß gefliesten Gang des zweistöckigen Wohnhauses steht eine kleine alte Dame und streckt der Besucherin beide Hände zur Begrüßung entgegen.
Die 80-jährige Lestari teilt sich das Haus mit zehn Männern und Frauen, mit denen sie etwas verbindet, über das sie lange nicht sprach. Als Kommunisten mussten sie - ohne Gerichtsverfahren - während der Suharto-Diktatur über ein Jahrzehnt ihres Lebens im Gefängnis verbringen.
Anfang der 50er Jahre gründete Lestari die Organisation Gerwani (Indonesische Frauenbewegung) mit. »Indonesien brauchte damals eine revolutionäre Frauenorganisation«, erinnert sich Lestari. »Demokratie ist doch nicht zu verwirklichen mit einem Volk, das nicht lesen und schreiben kann. Frauen hatten damals kaum Bewusstsein für Gleichberechtigung«, so Lestari. Dass sie Lesen und Schreiben konnten, war eher die Ausnahme als die Regel. Deshalb baute Gerwani ein Netz von Kitas und Schulen auf und verschaffte Frauen Zugang zu elementarer Bildung. »Wir haben die Analphabetenrate signifikant verringert«, so Lestari.
Mit leuchtenden Augen erzählt sie von den Gerwani-Gründerinnen. Und von ihrem Mann Suwandi, dem Vorsitzenden des Regionalbüros der Kommunistischen Partei Indonesiens (PKI) in Ostjava, den sie 1962 heiratete. Ob sie noch Fotos habe, aus dieser Zeit, will die Reporterin wissen. Lestari lacht. »Fotos? Mädchen, ich bin froh, dass ich noch lebe. An Fotos hab ich zuallerletzt gedacht.«
Beispiellose Hetzjagd auf Kommunisten
Indonesien war Mitte der 60er Jahre das Land, das nach China und der Sowjetunion die drittgrößte kommunistische Partei der Welt beheimatete. Die PKI selbst hatte dreieinhalb Millionen Mitglieder. Zusammen mit Bauernverbänden, Gewerkschaften, Frauengruppen und künstlerischen Vereinigungen schätzen Historiker die Zahl der PKI-Unterstützer auf etwa 20 Millionen, mehr als ein Fünftel der damaligen Bevölkerung. Kommunisten stellten Minister im Kabinett, sie hatten Verwaltungsposten auf allen Ebenen inne. Präsident Sukarno bewegte sich zu jener Zeit politisch zunehmend in Richtung Peking, zur Sorge des Westens und ihm verbundener Teile des indonesischen Militärs.
In der Nacht zum 1. Oktober 1965 geschah ein Putsch, dessen Hintergründe bis heute nicht vollständig geklärt sind. Sechs Generale und ein Leutnant wurden entführt und ermordet. Suharto, der prowestliche Vizechef der Armee, schob die Schuld daran der kommunistischen Partei zu, bot sich der Nation als »Retter vor der Roten Gefahr« an und veranlasste eine beispiellose Hetzjagd auf Kommunisten - mit massiver Unterstützung der westlichen Welt, die nicht riskieren wollte, dass das ressourcenreiche Land »kippt« und andere »Domino-Steine« mitreißt. Zwischen 500.000 und einer Million vermeintliche und tatsächliche Kommunisten wurden in den folgenden Monaten ermordet. Hunderttausende landeten in Gefängnissen. Sukarno wurde entmachtet, die PKI und alle ihr nahe stehenden Organisationen verboten. Dennoch strickte Suharto weiter an der Legende, dass Kommunisten jederzeit die Stabilität des Landes gefährden könnten. Obwohl in den Obduktionsberichten der Leichen der sieben ermordeten Militärs keinerlei Beweise dafür vorlagen, verbreiteten Suharto-treue Medien den Mythos von Gerwani-Aktivistinnen, die den Toten die Augen ausstachen, ihnen die Genitalien abschnitten und um die Leichen herum tanzten.
Am Morgen des 1. Oktober 1965 klopft es an Lestaris Haustür. Freunde raten ihr, das Haus zu verlassen. Beinahe drei Jahre wird sie auf der Flucht sein.
Wie genau kam es zur Festnahme? Lestari hält inne, überlegt. Ihre dünne rechte Hand umklammert ihre Nase. Ihr Blick ist auf etwas gerichtet, das außer ihr niemand sehen kann. Die Erinnerung an das, wovon in der ostjavanischen Stadt Blitar heute noch ein martialisches Heldendenkmal kündet. Die Operation Trisula, an der 5.000 Militärs und 3.000 Milizionäre beteiligt waren, sollte die letzten versprengten Kommunisten in Ostjava aufspüren.
Lestari flieht zur Küste. »Doch da«, ihr Blick geht nach oben, »da in den Hügeln, da standen die Soldaten«. Ein Mann wird direkt neben ihr erschossen. Lestari wird ins Frauengefängnis von Malang gebracht. »Ich hatte großes Glück«, sagt Lestari. »Mir haben sie keine Gewalt angetan.«
Ihre MitbewohnerInnen hatten nicht so viel Glück. Im Gemeinschaftsraum, wo morgens genäht und gehäkelt, mittags am großen Tisch gegessen und abends gemeinsam ferngesehen wird, sitzen sie zusammen auf Stühlen und einem Sofa. Die Journalistin Sri Sulistyawati (72) kam nach ihrer Verhaftung ins berüchtigte Foltergefängnis Bukit Duri in Jakarta. Sie zeigt zwei Lücken in ihrem Gebiss: »Da haben sie die Stromkabel angelegt.« Die 83-jährige Sri Sup[Unreadable]
[Südostasien 2/2012 and page header: 32 - Indonesien - Frau L's Kampf für Gerechtigkeit]
=== [PDF page 2] ===
[Unreadable]rapti Isnanto, Ex-Gerwani-Aktivistin, berichtet von neun Jahren Haft in Medan und sagt: »Dort gab es keine Frau, die nicht vergewaltigt wurde.«
Stigmatisierung bis heute
Ab Mitte der 70er Jahre kamen nach wachsendem internationalem Druck mehr und mehr 65er-Häftlinge frei. Lestari wurde 1979 aus der Haft entlassen. Doch das hieß noch lange nicht Freiheit. Ihr Haus war beschlagnahmt, in ihrem Ausweis prangte der Stempel ET (Ex-Tapol = ehemaliger politischer Häftling). Jobs, für die man sich mit Papieren bewerben musste, waren keine Option. Lestari wurde Hausangestellte in Surabaya, wo keiner sie kannte.
Wie Lestari hier sitzt, gebeugt, verrunzelt, sieht sie aus wie eine typische javanische Großmutter. Doch auf den Besuch ihrer Enkel zu warten, hat sie lange aufgegeben. Ihre jüngste Tochter ist 46 Jahre alt. Einmal trafen sie sich, lagen sich weinend in den Armen. Kurz darauf klingelte das schwarze Telefon im Gemeinschaftsraum, der Mann der Tochter war dran. »Er hat Angst vor mir«, sagt Lestari. Doch es sei nicht schlimm für sie, ihre Familie nicht zu sehen. »Ich bin froh, zu wissen, dass es ihnen gut geht.«
Im Mai 1998 trat Suharto zurück, der 32 Jahre lang das Gespenst des Kommunismus beschworen und damit seine Herrschaft legitimiert hatte. Erst jetzt konnten die Opfer von 1965 ihre Stimme erheben. Verbände formierten sich. Kritische Bücher erschienen. Zivilgesellschaftliche Gruppen initiierten Versöhnungsprojekte.
Von einer systematischen Aufarbeitung ist Indonesien weit entfernt. Ein Bericht der Nationalen Menschenrechtskommission (Komnas HAM) soll belegen, dass indonesische Militärs im Zuge der Kommunistenverfolgung schwere Menschenrechtsverletzungen begangen. Doch sein Erscheinen verzögert sich seit Monaten.
Lestari hat sich fein gemacht. Sie trägt einen schwarzen, langen Rock, dazu eine schwarz-rot-weiße Bluse und einen lila Schal. Zusammen mit zwölf Männern und Frauen sitzt sie auf einem Podium. Die Menschenrechtsorganisation Kontras veranstaltet eine Pressekonferenz, in der das zögerliche Vorgehen von Komnas HAM scharf kritisiert wird. »Dass damals schwere Menschenrechtsverletzungen begangen wurden, ist wirklich nicht schwer zu beweisen«, so Papang Hidayat von Kontras. Wenn Präsident Susilo Bambang Yudhoyono die Vergangenheitsbewältigung ernst nähme, müsse er jedoch die Schuld seines eigenen Schwiegervaters beim Namen nennen, der 1965 als ranghoher Militär bei der Kommunistenverfolgung eine entscheidende Rolle gespielt habe. Die Kommission habe schlicht Angst, den Bericht zu verabschieden, sagt Papang. Und fügt hinzu: »Der Umgang mit 1965 ist die Messlatte dafür, wie demokratisch Indonesien geworden ist.«
Lestari sagt kein Wort während der Pressekonferenz. Sie sitzt einfach da, ein schweigendes Symbol vergangenen Unrechts, und liest die Pressemitteilung. Ganz nah hält sie sich das Blatt vors Gesicht, langsam wandern ihre Augen über die Zeilen.
Sie ist hierher gekommen. Sie wird es wieder tun, wird da hin gehen, wohin sie gerufen wird. Dafür kämpfen, dass die Opfer von 1965 rehabilitiert werden. Um Studenten oder Journalisten aus ihrem Leben zu erzählen. Doch eigentlich wäre sie gern ganz woanders.
»Was nützt es, wenn wir hier in Jakarta eine Versammlung nach der anderen abhalten?« fragt sie, zurück in der Wohnküche ihres Hauses. »Ich will zurück nach Ostjava«, sagt sie und reckt energisch den Kopf auf ihren gebeugten Schultern nach vorn. Ihre Augen sind auf einmal wieder ganz wach. »Ich will mit den Leuten auf der Straße reden. Ihnen sagen, dass sie vor uns keine Angst haben müssen. Und mit ihnen darüber diskutieren, was Demokratie wirklich heißt.«
[Caption fragment:] Lestari hat die Kommunistenjagd überlebt. Foto.
[Page header: Frau L's Kampf für Gerechtigkeit - Indonesien - 33]
English translation
=== [Page 2] ===
[...]rapti Isnanto, a former Gerwani activist, reports nine years of imprisonment in Medan and says: "There was not a single woman there who was not raped."
Stigmatisation to this day
From the mid-1970s, after growing international pressure, more and more 1965 prisoners were released. Lestari was released from prison in 1979.
But that was far from meaning freedom. Her house had been confiscated, and her identity card bore the stamp ET (Ex-Tapol = former political prisoner). Jobs for which one had to apply with papers were not an option. Lestari became a domestic worker in Surabaya, where no one knew her.
Sitting here, bent and wrinkled, Lestari looks like a typical Javanese grandmother.
But she gave up long ago on waiting for a visit from her grandchildren. Her youngest daughter is 46 years old. Once they met and lay weeping in each other's arms. Shortly afterwards the black telephone in the common room rang; the daughter's husband was on the line. "He is afraid of me," says Lestari. But it is not bad for her not to see her family.
"I am glad to know that they are well."
In May 1998 Suharto stepped down, who for 32 years had conjured up the spectre of communism and thereby legitimised his rule. Only now could the victims of 1965 raise their voices.
Associations formed. Critical books appeared. Civil-society groups initiated reconciliation projects.
Indonesia is far from a systematic reckoning with the past. A report by the National Human Rights Commission (Komnas HAM) is supposed to prove that Indonesian military personnel committed serious human rights violations in the course of the persecution of communists. But its publication has been delayed for months.
Lestari has dressed up. She wears a long black skirt, with a black-red-and-white blouse and a purple scarf. Together with twelve men and women she sits on a podium. The human rights organisation Kontras is holding a press conference sharply criticising the hesitant approach of Komnas HAM. "That serious human rights violations were committed back then is really not hard to prove," says Papang Hidayat of Kontras. If President Susilo Bambang Yudhoyono took coming to terms with the past seriously, however, he would have to name the guilt of his own father-in-law, who as a high-ranking military officer had played a decisive role in the persecution of communists in 1965. The commission is simply afraid to adopt the report, says Papang.
And he adds: "How 1965 is dealt with is the yardstick of how democratic Indonesia has become."
[Page footer: Südostasien 2/2012]
Lestari says not a word during the press conference. She simply sits there, a silent symbol of past injustice, and reads the press release. She holds the sheet very close in front of her face; her eyes move slowly over the lines.
She came here. She will do so again, will go wherever she is called. To fight for the victims of 1965 to be rehabilitated. To tell students or journalists about her life.
But actually she would rather be somewhere else entirely.
"What use is it if we hold one meeting after another here in Jakarta?" she asks, back in the kitchen-living room of her house. "I want to go back to East Java," she says, and thrusts her head energetically forward on her bent shoulders.
Her eyes are suddenly wide awake again. "I want to talk to people on the street. Tell them they do not have to be afraid of us.
And discuss with them what democracy really means."
[Caption:] Lestari survived the communist hunt. [Photo credit garbled]
[Page footer: Frau L's Kampf für Gerechtigkeit < Indonesien < 33]