Neues Deutschland, 21 April 1990, S. 11: Alltag auf der Fraueninsel
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Text
Seite 11 — Neues Deutschland
Reportage
Sonnabend/Sonntag, 21./22. April 1990
Washington zwischen Selbstzweifei und Sendurigsbewußtsein, Drogenkrieg und Denkmalspracht
(.mentalen Pracht und Macht der weitläufigen Metropole am Foto mac schwer zu glauben, was spitz züngige Kommentatoren und
Essayisten immer häufiger düster diagnostizieren: Im Zuge der ra santen und radikalen Umbrüche allerorten, ohne den verlustig ge gangenen großen alten Feind So wjetunion und als Folge des wie der und wieder verschobenen Ab schieds vom Denken in den Gren zen bipolarer Scheuklappen laufe Washington Gefahr, zu einem weltpolitischen Nebenschauplatz zu verkümmern, in „globaler Be deutungslosigkeit" zu versinken, wie „Newsweek" schrieb. Das alles wäre nun wirklich eine neue Erfahrung für die Keimzelle der Weltmacht USA. Vor 200 Jah
ren auf dem Reißbrett vom fran zösischen Architekten," Pionier hauptmann und Kampfgefährten Washingtons, Pierre L'Enfant, entworfen, verstand sich der „Federal District of Columbia", nenes von den Bundesstaaten Vir ginia und Maryland für die Haupt stadt abgegebene Gebiet am Potomac River, schon früh als Nabel nicht nur der Neuen Welt.
In einer Art Bannmeile der Hi storie versuchte man in pseudo griechischen Tempelbauten feh lende Geschichte nachzureichen.
Die Besinnung auf Amerikas Größe und Macht, die Beschwö rung seiner ruhmreichen Vergan genheit gerät heute zum touri stisch attraktiven Ritual, ihre wie
die Monumentaldenkmäler strah lend weißen Kapitel in den bei gegebenen Handzetteln kennen kaum schwarze Flecken. Der amerikanische Traum ist all gegenwärtig, der Pioniergeist mit seinem grenzenlosen Optimismus, seiner Fortschrittgläubigkeit, sei nem Selbsthelfertum, der missio narische Eifer, diese eigentüm liche Melange aus Gottgefällig keit und Sendungsbewußtsein, der Wunsch nach law and Order, der immer wieder mit der Idee von Freiheit und Demokratie kollidiert.
In keinem Denkmal zwischen Washington Monument, Jefferson Memorial und Capitol Hill, scheint mir, findet all das so sinn fällige Verkörperung wie in dem
nach Vorbild des Athener Parthe nons in schneehellem Marmor er richteten Lincoln Memorial. Und wenn man dann zu der wie Gott Vater über allen thronenden sechs Meter hohen Figur des am 14. April 1865 in Washington er mordeten 16.
Präsidenten der
Vereinigten Staaten emporblickt, gewinnt manch heiße Debatte um Größe und Gestus von Standbil dern zu Hause auf einmal gerade zu kleinlichen Charakter. Ausge sprochen wohltuend hebt sich da nebenan das aus zwei schlichten schwarzen Granitwänden beste hende langgestreckte Vietnam Veterans Memorial ab, ein aus pn/vaten ¦ Spenden finanziertes Denkmal, das die Namen der 58 000 im schmutzigen Krieg ge gen Vietnam gefallenen oder ver mißten US-Soldaten trägt.
Ohne Lobbyisten läuft hier so gut wie gar nichts
Ob Stolz und Einfluß eines von Selbstzweifeln und Niedergangsangsten geplagten Washing tons nun wirklich so unaufhalt sam dahinschmelzen, wie manche suggerieren wollen — bei allen politischen und wirtschaftlichen Problemen der westlichen Füh rungsmacht darf das wohl be zweifelt werden. Gleichwohl, ein facher werden die Zeiten für all die Regierenden, Abgeordneten und Senatoren, Vor- und Nach denker, Lobbyisten und Journali sten im Zentrum der Macht be stimmt nicht. 350 Organisationen haben neben den Einrichtungen der Bundesregierung am Potomac ihren Sitz, vom Roten Kreuz bis zu den Gewerkschaften. 50 Think Tanks, sogenannte Denkfabriken, und 500 politische Beraterfirmen bieten hier ihre Dienste an.
365 000 Bundesangestellte, 12 000 Kongreßmitarbeiter, knapp 5000 Medienmacher prägen das Bild der Hauptstadt auf ihre Weise.
Vor allem ohne die rund 16 000 eingetragenen Lobbyisten, Draht zieher zwischen Capitol und Ka pital, läuft fast gar nichts, wie wir am konkreten Beispiel im Colorado Building lernen.
Hier haben die Vertreter des weltgrößten Zigarettenproduzen ten Philip Morris ihre Büros, und man muß heute schon einiges tun, um in den Vereinigten Staaten gut am blauen Dunst zu verdie nen. Auf Rauchverbote trifft man allerorten, im Flugzeug, im Re staurant, im Hotel, im Theater, im Kaufhaus, auf dem • Polizei revier, im Weißen Haus. Da braucht es natürlich gute Rechts anwälte, Public-Relations-Strategen und mehr als einen Fuß in den Türen zum Kongreß und zur Administration; da gilt es, die bestehenden und die geplanten Gesetze ebenso im Blick zu ha ben wie die Konkurrenz oder die Gesundheitsverbände. Und im mer wieder Werbung, Werbung und nochmals Werbung. Ob mit kernigen Cowboys aus dem Land der grenzenlosen Freiheit oder als erfolgsverwöhnter Sponsor im Formel-I-Rennzirkus. Die Sum men, die da lockergemacht wer den müssen, so unsere Gastgeber, gehen letztlich in die Milliarden, weltweit. Aber wer so pech schwarze Zahlen schreibt wie der Glimmstengelmulti, der sich mit Nahrungsmitteln, einer großen
Brauerei, Finanzdienstleistungen und Immobiliengeschäften längst weitere stabile Standbeine zuge legt hat, kann sich das leisten schon noch größerer Umsätze und Gewinne wegen. Jetzt auch zwi schen Kap Arkona und Aue.
ND- Foto: Olaf Standke
Die Amerikaner lieben es groß: im Lincoln Memorial
Blauer Dunst am Potomac
Es ist auch der Tag des Marion Barry. Welchen TV-Kanal man immer wählt — garantiert trifft man auf den Bürgermeister
Washingtons, der in einer Mi schung aus schamigem Under statement und trotzigem Selbst bewußtsein erklärt, daß er nun die Amtsgeschäfte wieder voll übernehme. Sieben Wochen lang war Barry in Florida, in einer „Substanz-Mißbrauch-Kllnik", wie die Amerikaner Entzugs anstalten für Alkohol- und Dro gensüchtige vornehm umschrei ben.
Ein Bürgermeister sitzt ziemlich in der Klemme
Der Bürgermeister der „wich tigsten Stadt der wichtigsten Na tion der Welt", wie es in einem Werbeslogan Washingtons in aller Bescheidenheit heißt, weiß sehr wohl, daß mm, unabhängig von jedem Wetter, die Iheißeste Periode seiner zwölfjährigen Amtszeit bevorsteht. Denn - in einem am 4. Juni beginnenden Prozeß geht es nicht um seine Ab hängigkeit von Schnaps und Be ruhigungsmitteln, die Barry in den vielen Interviews eingesteht, es geht um Kokain, Meineid und das politische Überleben. Der 53jährige war im Januar in eine vom FBI gestellte Falle getapst und per Videokamera im feinen)
Vista-Hotel der Hauptstadt beim
Von OLAF STANDKE
Kauf und Konsum des Rausch giftes beobachtet worden. Doch der Sohn eines Baumwollpflük kers aus Mississippi, in den 60ern wortgewaltiger Sprecher der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, hat längst nicht nur am Koks, sondern auch an der Droge Macht genascht und Gefallen gefunden.
Und leider ist sein „Fall" so manchem Rechten im Lande An laß genug, um gleich gegen Afroikaner in führenden Positio nen und zuviel Rassengleichheit überhaupt zu Felde zu ziehen.
Einen Ruhm zumindest erwarb sich Washington in Barrys Re gierungszeit: den der amerikani schen Stadt mit der höchsten Mordrate pro Kopf der Bevölke rung. 438 Opfer waren es im Vorjahr, und die 127 Morde in den ersten drei Monaten dieses Jahres lassen Böses, nämlich einen traurigen Rekord erahnen.
Wie uns Journalistenkollegen beim Bier erzählen, hat die renommierte Washington Post deshalb kürzlich ihre Lokalrepor ter mit einem durchaus unge wöhnlichen Arbeitsmittel aus gestattet — kugelsichere Westen.
Natürlich kann man für diese mörderischen Zustände nicht allein Barry und seine Rathaus- Crew verantwortlich machen.
Vier von fünf Tötungsverbrechen, so der Chef des D.C. Police De partment, Isaac Fulwood/' sind 'ärug-related'H Resultat eines er« barmungsloseWDrogenkrieges'. Der vollzieht sich vor allem in den Vierteln der Afroamerikaner, in den Straßenzügen hinterm Capi tol beispielsweise, dem Sitz von Senat und Repräsentantenhaus.
Am Tage eine Gegend leicht ab gerissener Kleinfbürgerlichikeit, verwandelt sie sich nachts in einen Drogendschungel. Denn die Profit raten sind enorm, und Armut treibt. viele Familien dazu, eines der Kinder gleichsam zu opfern und „auf den Deal" zu schicken, um den anderen eine Chance zum Oberleben zu gelben.
„Ein
Teufelskreis zwischen
Elend und Gewalt'', weiß Bill zu berichten, ein junger Soziologe, den ich in einer Kneipe in
Georgetown — ein Hauch von Merry Old England
darf man beim Mann am Klavier noch „sein" Lied bestellen — und selbst singen. Aber an ddesem Abend ist auch in dieser Oase der Bummler Bürgermeister Barry in vieler Munde. Mein Erstaunen, daß sich ein Mann mit solchen Eskapaden überhaupt noch halten kann, erklärt Bill mit einer Wa shingtoner Besonderheit: Nirgend wo sonst in den USA hat eine Stadt so viele schwarze Einwoh ner, fast 75 Prozent.
Trotzdem — es fällt angesichts der sonnenüberfluteten monu-
Karikatur aus:.Newsweek"
Ghanas Kakao-Branche hat nicht nur Schokoladenseiten
Beamte der Regierung stellten im Hochbau an der Kwame-
Nkrumah-Road einige bohrende Fragen, deren Beantwortung die Hausherren sich auch nicht mit Hinweis darauf entziehen konn ten, daß zuviel Hineinreden und Einmischung „von oben" der „von
Branche absolut nicht dienlich seien. Es war gar von „politi schem Druck" die Rede. Die im Auftrag des Provisorischen Natio nalen Verteidigungsrates (PNDC)
tätigen Prüfer ließen sich von diesem massiven Vorwurf nicht beeindrucken und enthüllten un gerührt eine Reihe von Unregel mäßigkeiten. Gerichtliche Maß nahmen für COCOBOD-Mitarbeiter waren die Folge.
Was war geschehen? Fünfzehn Millionen veruntreute Cedi (etwa 5000 Dollar) brachten zwar drei Kassen-Beamte hinter Schloß und Riegel und drei aufsichtspflich tige Vorgesetzte um ihren Job. Sie allein hätten die Volksseele aber kaum in Rage versetzt. Schwerer zu Buche schlugen da schon Ver luste in Höhe von 145 Millionen Cedi, verursacht durch den Auf kauf minderwertiger Ware.
Ließen sich bei diesen beiden Tatbeständen die Fakten leicht überschauen, so geriet die Unter suchungskommission vollends ins Gestrüpp der Korruption, als man tiefer in die Praxis der Auftrags vergabe eindrang. COCOBOD ar beitete bisher mit mehr als 1000 Firmen zusammen, die unter schiedliche Leistungen zur Ver besserung der materiell-techni schen Basis des Wirtschaftszwei ges erbrachten, vor allem bei Bau und Instandhaltung von Kakao- Lagerhallen. Für das Erteilen
Korruption bei COCOBOD
Von FRANK BAUMGART
eines Auftrages steckten - Mit arbeiter der Kakao-Behörde Schmiergelder im Wert von um gerechnet 120 bis 850 Dollar in die eigenen Taschen.
Auf Fehlleistungen und dunkle Geschäfte bei COCOBOD reagiert die ghanaische Öffentlichkeit be sonder empfindlich, denn schließ lich ist die Monokultur Kakao.wichtigster Wirtschaftszweig des Landes. Auf iha entfallen 60 Prozent der Exporteinnahmen.
An der Weltproduktion von über zwei Millionen Tonnen im Jahr ist das Land derzeit nur mit etwa einem Achtel beteiligt. Cote d'Ivoire und. Brasilien haben Ghana den Rang abgelaufen, größte Kakao-Produzenten der Welt zu sein. Diese Spitzenstel lung schien 1964, als man 560 000 Tonnen Kakao produzierte, un angefochten. Zu Beginn der 90er Jahre will Ghana mit einer hal ben Million Tonnen an einstige Hoch-Zeiten anknüpfen.
Gedacht ist an stärkere Exporte nach Osteuropa, Japan, China und in die arabischen Länder so wie an einen höheren Eigenver brauch. Der jedoch leidet mo mentan unter dem beklagens werten Zustand der drei Verar beitungsfabriken, die- dringend erneuerungsbedürftig sind. An sonsten bleibt es bei dem para doxen' Zustand, daß das Land mit dem qualitativ besten Kakao nur eine mäßige Schokolade in ge ringen Mengen herstellt.
Ferner muß sich Ghana künf tig allerhand einfallen lassen, um die Selbstkosten in der Ka kao-Branche zu senken. Mittler weile sind neue Erzeugerländer hinzugekommen, vor allem in Südostasien, und' die machen es wesentlich billiger. Kurzum, mit diesen und anderen Maßnahmen sollen die drastischen Verluste aufgefangen werden, die dem
Land durch den anhaltenden Verfall der Preise entstehen. Im zurückliegenden Jahrzehnt ist dieser von über drei Dollar pro Kilo Kakao-Bohnen auf etwa einen Dollar abgesackt. Für Gha na bedeutete das jährliche Min dereinnahmen in Höhe von hun dert Millionen Dollar.
Im Vergleich dazu nehmen sich die hausgemachten Fehlbeträge geradezu lächerlich aus.
Auf Bawean ist es eherne Sitte, daß Männer in die Fremde ziehen
Dabei hat die Insel mit jenem sagenhaften militanten Weiber volk der Antike fürwahr nichts zu tun. Die Baweanerinnen — so schreibt der indonesische Journa list Hanif — gelten als gemutvoll und friedlich. Keine von ihnen würde sich die rechte Brust ent fernen lassen, um besser irgend einen ominösen Bogen spannen zu können. Zutreffend ist indes, daß sich Bawean nach dem zwei ten Weltkrieg zu einer Insel der Frauen entwickelt hat. Obwohl das Verhältnis der Knaben- und Mädchengeburten ziemlich aus geglichen ist und eigentlich fast jede Frau zumindest vom Ehe ring her versorgt scheint," kom men praktisch — je nach Dorf drei bis vier Frauen auf einen Mann. Ergebnis eines gesell schaftlichen Phänomens, das hier einzigartig ausgeprägt ist.
Die Mehrheit der mannlichen Bewohner muß zur Suche nach akzeptablen Verdienstmöglich keiten auswandern. Auf der In sel selbst besteht höchstens die Chance, als Fischer oder Kleinstbaoier tätig zu sein. Wer das ist, das entscheidet das Gesetz der natürlichen Auslese, das nur die Schwächeren sowie die Älteren zu Hause duldet.
Einstige Einsicht in wirtschaft liche Notwendigkeit ist zu eher ner Tradition erstarrt, die kaum Toleranz kennt. Weigert sich ein Mann, in der Fremde den Un terhalt für seine Familievzu ver dienen, hat seine Gattin das Recht, sich scheiden zu lassen.
Überdies die Schande. Für die ganze Gemeinde ist es unehren haft, wenn junge Baweaner zö gern, ihre Dörfer zu verlassen.
Von LOTHAR PILZ
um wenigstens nach Java, die benachbarte Hauptinsel, zu ge hen. Viele Eltern treiben ihre noch unverheirateten Söhne re gelrecht in das Gastarbeiterleben.
Ursprünglich zog es Baweaner nach Singapur. Als sich dort der Arbeitsmarkt zu sättigen begann, wurde Malaysia das Ziel. Einen Job, der Geld bringt, finden sie vor allem im Wohnungs- und Straßenbau. Die Leute von Ba wean sind ob ihres Fleißes, den ihnen die Erziehung von Kind heit an eingetrichtert hat, sehr geschätzt. Und auch wegen der Ausdauer, die sie selbst bei drükkender Hitze an den Tag legen.
Die meisten baweanischen Fa milien besitzen ein Farbfernseh gerät, eine Nähmaschine und ein Motorrad. Den Eindruck der
Karte: welaelt
Wohlhabenheit verstärkt hoch der Habitus der Frauen. Oft behängen sie sich mit Goldschmuck. Alles, was die Schatulle enthält, wird zu islamischen Festtagen gezeigt.
Die Schätze dienen auch als Wert anlage; im Notfall können sie schnell zu Bargeld umgewandelt werden.
Nach Sonnenuntergang aller dings wirkt Bawean wie ausge storben.
Koranlesungen in den
Moscheen sind der einzige abend liche Zeitvertreib außerhalb der eigenen vier Wände.. Daß auf Bawean keine Fehltritte passie ren — dafür bürgen ein strenger.
Moralkodex und mehr noch die Wachsamkeit der Frauen, die sich gegenseitig belauern.
Dem Vernehmen nach soll auf die Treue der Männer in fernen Städten zuweilen weniger Verlaß sein. Schon mancher vermochte der Verlockung eines Stundenho tels nicht zu widerstehen. Auch kommt es vor, daß sich die Gat ten nach langer Trennung vom Eheweib einer anderen zuwenden.
Und die Junggesellen? Sie bevor zugen neuerdings, sich ihre Frau am Arbeitsort zu suchen. Trotz dem bleiben sie irgendwie mit Bawean verbunden.
In der Metropole Accra gibt es nur wenige Gebäude mit mehr als vier Stockwerken. Eines davon gehört dem COCOBOD
Foto: ADN/Boumgart
Ein verrücKter Frühlingstag in in verrückter Frühlingstag in Washington. Die Quecksil bersäulen der Thermometer treiben sich bei 30 Grad Celsius herum, die 650 japanischen
Kirschbäume am
Tidal Basin zwischen Lincoln und Jefferson Memorial sind völlig verwirrt und im verfrühten Blütenrausch, schließlich ist das traditionelle Cherry Blossom Festival noch gar nicht angesagt. Das Raesenheer der geschäftig die Magistralen der Macht entlang huschenden Beam ten zeigt sich buchstäblich hemdsärmlig, und die Damenwelt wagt einen Vorgriff auf den Sommer, präsentiert viel Bein. Bermuda- Shorts dürften wohl der Renner der Saison werden.
Georgetown kennenlerne.
Hier, im Nordosten Washingtons, zwi schen Rock Creek und Potomac, scheint die Welt noch in Ordnung und die Zeit stehengeblieben.
Ein Hauch von Merry Old Eng land weht durch diese wohl re staurierte Puppenstube im Stile der britischen Kolonialzeit König Georges. Bei Mr. Smith's, dem „freundlichsten Saloon in der Stadt", unweit des Old Stone House, einem der ältesten Ge bäude Washingtons überhaupt,
Doch Drogen sind nicht das eintage brennende soziale Pro blem Washingtons. Penner, die auf dem Rasen gegenüber dem Weißen Haus übernachten, ver deutlichen ein anderes.
15 000
Freiwillige waren unlängst aus geschwärmt, durchleuchteten die* dunkelsten Ecken von god's own country, um' ein besonders/ düsteni res Kapitel des reichsten Landes der Welt ans Tageslicht zu holen.
Erstmals wurde das Heer der homeless people, der Obdachlosen, gezählt. Mitch Snyder, der sich seit vielen Jahren um ihre Be lange in Washington kümmert, hält allerdings nicht viel von die ser Aktion, sieht nach eigenen Er fahrungen sogar die Gefahr der Zahlenmanipulation nach unten um Sozialausgaben zu kürzen. Wie zur Bestätigung hat der Stadtrat der Bundeshauptstadt, noch ohne Ergebnis zu kennen, die Obdach losenhilfe im Budget für 1991 von bisher 30 auf 10,3 Millionen Dollar zusammengestrichen.
Viele Hochihauser gibt es in iele Hochhäuser gibt es in Accra nicht. Eines davon gehört, der Bedeutung des
Wirtschaftszweiges angemessen, dem Ghana Cocoa Board. Noch leichter von der Zunge geht die gebräuchliche Kurzform COCO- BOD. Allerdings hat auch dieser klangvolle Name nicht verhin dern können, daß die dahinter steckende zentrale Verwaltung für die Kakao-Industrie wieder einmal in die Schlagzeilen gera ten ist.
Von den 13 677 Inseln, die ge on den 13 677 Inseln, die gemeinsam das Territorium der Republik Indonesien aus machen, ist Bawean eine der kleinen. Mit 155 Quadratkilome tern reicht seine Fläche gerade mal aus, um auf normalen Atlan ten noch verzeichnet zu sein.
Dennoch ragt Bawean aus dieser Schar der Eilande heraus. Wegen einer Eigenschaft nämlich, die ihm den Beinamen „Amazonica"
eingebracht hat.
Alltag auf der
Fraueninsel
English translation
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--- Relevant article (German, corrected transcription from OCR) ---
Alltag auf der Fraueninsel
Von Lothar Pilz
Von den 13 677 Inseln, die gemeinsam das Territorium der Republik Indonesien ausmachen, ist Bawean eine der kleinen. Mit 155 Quadratkilometern reicht seine Fläche gerade mal aus, um auf normalen Atlanten noch verzeichnet zu sein. Dennoch ragt Bawean aus dieser Schar der Eilande heraus. Wegen einer Eigenschaft nämlich, die ihm den Beinamen „Amazonica“ eingebracht hat.
Auf Bawean ist es eherne Sitte, daß Männer in die Fremde ziehen.
Dabei hat die Insel mit jenem sagenhaften militanten Weibervolk der Antike fürwahr nichts zu tun. Die Baweanerinnen — so schreibt der indonesische Journalist Hanif — gelten als gemütvoll und friedlich. Keine von ihnen würde sich die rechte Brust entfernen lassen, um besser irgendeinen ominösen Bogen spannen zu können. Zutreffend ist indes, daß sich Bawean nach dem zweiten Weltkrieg zu einer Insel der Frauen entwickelt hat. Obwohl das Verhältnis der Knaben- und Mädchengeburten ziemlich ausgeglichen ist und eigentlich fast jede Frau zumindest vom Ehering her versorgt scheint, kommen praktisch — je nach Dorf — drei bis vier Frauen auf einen Mann. Ergebnis eines gesellschaftlichen Phänomens, das hier einzigartig ausgeprägt ist.
Die Mehrheit der männlichen Bewohner muß zur Suche nach akzeptablen Verdienstmöglichkeiten auswandern. Auf der Insel selbst besteht höchstens die Chance, als Fischer oder Kleinstbauer tätig zu sein. Wer das ist, das entscheidet das Gesetz der natürlichen Auslese, das nur die Schwächeren sowie die Älteren zu Hause duldet.
Einstige Einsicht in wirtschaftliche Notwendigkeit ist zu eherner Tradition erstarrt, die kaum Toleranz kennt. Weigert sich ein Mann, in der Fremde den Unterhalt für seine Familie zu verdienen, hat seine Gattin das Recht, sich scheiden zu lassen. Überdies die Schande. Für die ganze Gemeinde ist es unehrenhaft, wenn junge Baweaner zögern, ihre Dörfer zu verlassen, um wenigstens nach Java, die benachbarte Hauptinsel, zu gehen. Viele Eltern treiben ihre noch unverheirateten Söhne regelrecht in das Gastarbeiterleben.
Ursprünglich zog es Baweaner nach Singapur. Als sich dort der Arbeitsmarkt zu sättigen begann, wurde Malaysia das Ziel. Einen Job, der Geld bringt, finden sie vor allem im Wohnungs- und Straßenbau. Die Leute von Bawean sind ob ihres Fleißes, den ihnen die Erziehung von Kindheit an eingetrichtert hat, sehr geschätzt. Und auch wegen der Ausdauer, die sie selbst bei drückender Hitze an den Tag legen.
Die meisten baweanischen Familien besitzen ein Farbfernsehgerät, eine Nähmaschine und ein Motorrad. Den Eindruck der Wohlhabenheit verstärkt noch der Habitus der Frauen. Oft behängen sie sich mit Goldschmuck. Alles, was die Schatulle enthält, wird zu islamischen Festtagen gezeigt. Die Schätze dienen auch als Wertanlage; im Notfall können sie schnell zu Bargeld umgewandelt werden.
Nach Sonnenuntergang allerdings wirkt Bawean wie ausgestorben. Koranlesungen in den Moscheen sind der einzige abendliche Zeitvertreib außerhalb der eigenen vier Wände. Daß auf Bawean keine Fehltritte passieren — dafür bürgen ein strenger Moralkodex und mehr noch die Wachsamkeit der Frauen, die sich gegenseitig belauern.
Dem Vernehmen nach soll auf die Treue der Männer in fernen Städten zuweilen weniger Verlaß sein. Schon mancher vermochte der Verlockung eines Stundenhotels nicht zu widerstehen. Auch kommt es vor, daß sich die Gatten nach langer Trennung vom Eheweib einer anderen zuwenden. Und die Junggesellen? Sie bevorzugen neuerdings, sich ihre Frau am Arbeitsort zu suchen. Trotzdem bleiben sie irgendwie mit Bawean verbunden.
--- English translation ---
Everyday life on the women's island
By Lothar Pilz
Of the 13,677 islands that together make up the territory of the Republic of Indonesia, Bawean is one of the small ones. With 155 square kilometres its area is just enough to still be shown on ordinary atlases. Nevertheless Bawean stands out from this host of islets, because of a characteristic that has earned it the nickname "Amazonica".
On Bawean it is an iron custom that men go off to foreign parts.
Yet the island truly has nothing to do with that legendary militant tribe of women of antiquity. The women of Bawean, writes the Indonesian journalist Hanif, are regarded as warm-hearted and peaceful. None of them would have her right breast removed in order to draw some ominous bow better. It is true, however, that since the Second World War Bawean has developed into an island of women. Although the ratio of boys' and girls' births is fairly balanced and almost every woman seems provided for, at least as far as a wedding ring goes, there are in practice, depending on the village, three to four women to one man. The result of a social phenomenon that is uniquely pronounced here.
The majority of the male inhabitants must emigrate to look for acceptable earning opportunities. On the island itself there is at most the chance of working as a fisherman or smallholder. Who does so is decided by the law of natural selection, which tolerates at home only the weaker and the older.
Once an insight into economic necessity, it has hardened into an iron tradition that scarcely knows tolerance. If a man refuses to earn his family's keep abroad, his wife has the right to divorce him. On top of that, the disgrace. For the whole community it is dishonourable if young Bawean men hesitate to leave their villages to go at least to Java, the neighbouring main island. Many parents positively push their still unmarried sons into guest-worker life.
Originally Bawean people were drawn to Singapore. When the labour market there began to saturate, Malaysia became the destination. They find well-paid jobs above all in housing and road construction. The people of Bawean are highly valued for their diligence, drilled into them from childhood, and also for the endurance they show even in oppressive heat.
Most Bawean families own a colour television, a sewing machine and a motorbike. The impression of prosperity is reinforced by the women's appearance. They often adorn themselves with gold jewellery. Everything the jewel box contains is displayed on Islamic feast days. The treasures also serve as an investment; in an emergency they can quickly be converted into cash.
After sunset, however, Bawean seems deserted. Quran recitations in the mosques are the only evening pastime outside one's own four walls. That no missteps occur on Bawean is guaranteed by a strict moral code and even more by the vigilance of the women, who watch one another.
By all accounts the fidelity of the men in distant cities is sometimes less reliable. Many a man could not resist the lure of an hourly hotel. It also happens that husbands, after a long separation from their wives, turn to another. And the bachelors? Lately they prefer to find their wife at their workplace. Even so, they somehow remain connected with Bawean.