Moskaus Streit mit Peking: Sowjetisch-chinesische Kontroversen auf dem Weltgewerkschaftskongress (NZZ, 10 Nov 1965)
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Moskaus Streit mit PekingSowjetisch-chinesische Kontroversen auf dem Weltgewerkschaftskongreßi T. R. Der kürzlich in Warschau zu Ende gegan-, gene kommunistische Weltgewerkschaftskongreß,, an dem rund 600 Delegierte aus 98 Ländern teil- j nahmen, war vom sowjetisch-chinesischen Konflikt ( überschattet. Die Chinesen vertraten in Warschau s ihren Standpunkt hartnäckig. Sic forderten, daß, der Weltgewerkschaftsbund sich offen als eine auf s der Basis des Klassenkampfes operierende, revo-, lutionärc Organisation sowie als die aktivste Kraft; in dem gegen den «Imperialismus» geführten, Kampf bekenne. Sie beschuldigten die Sowjet-; union und die Führung der Organisation, durch, die Koexistenzthesen die Weltrevolution und die Interessen des Proletariats verraten zu haben. Da-, bei wurden sie vor allem durch die albanische, aber, auch die indonesische, ceylonesische und nordkorea-, nische Delegation unterstützt., Die aggressive Haltung der Chinesen und Albaner löste bei der prosowjetischen Mehrheit der Delegierten eine scharfe Reaktion aus. Es kam dabei zu erregten Szenen, als der sowjetische Delegierte Pimenow den Albaner Qimo Kocani niederzuschreien und sogar vom Rednerpult zu verdrängen versuchte. Während der Rede des chinesischen Chefdelegierten Kang Yung-ho wurden Zwischenrufe wie «Hinaus mit ihm!», «Schlagt ihn nieder!» laut. Besonders ungeduldig und kampflustig zeigte sich der sowjetische Chefdelegierte Grischin, als sich der Albaner Kocani abermals zum Wort meldete. Diese offen zur Schau gestellte russisch-chine-sische Feindseligkeit störte die Bestrebungen der Leitung des Weltgewerkschaftsbundes, das Gesicht zu wahren, um zumindest nach außen die Ein-heit-der Bewegung vorzutäuschen. Man muß abwarten, wie sich dies künftig auf die Tätigkeit des Weltgewerkschaftsbundes auswirken wird. Jedenfalls hüteten sich sowohl die Sowjets wie auch die Chinesen, ihre gegenseitige Befehdung bis zu einem endgültigen Bruchfortzuführen.Naehdem die Abgesandten Pekings erkannt hatten, daß sie ziemlich isoliert dastünden, begannen sie sich vorsichtig auf einen Rückzug vorzubereiten. Ihre Drohung, den Kongreß und die Bewegung selbst zu spalten, erwies sieh als das Geschrei eines Papiertigers. Umstrittene Statutenänderung Was die beabsichtigte Statutenänderung der Organisation betrifft, konnte, trotz den seit Juni abgehaltenen 43 Sitzungen, keine Einigung erzielt werden. Das Haupthindernis spielten dabei die Frage der Autonomie der Mitgliederorganisationen, die künftige Struktur und der Abstimmungsvorgang. Während die Chinesen starr die Anwendung der Einstimmigkeit forderten, plädierten die Russen für das Mehrheitsprinzip. Andere Delegationen verlangten, daß künftig jedes Land nur eine Stimme haben solle. Aber auch das Problem der Wiederherstellung der Einheit der internationalen Gewerkschaftsbewegung blieb ungelöst. Es bestehen weiterhin wesentliche Differenzen unter den kommunistischen Gewerkschaftsführern darüber, auf welche Weise sie sich dem Internationalen Bund Freier Gewerkschaften, der Christlichen Gewerk*schaftsinternationale und den verschiedenen regionalen Zentren der außereuropäischen Gewerkschaften nähern sollen. Ein jugoslawischer Vorstoß Einen bemerkenswerten Vorschlag zur regionalen Autonomie der Gewerkschaften machte die jugoslawische Delegation (die Jugoslawen sind 1950 nach dem Bruch zwischen Tito und Stalin aus dem Weltgewerkschaftsbund ausgeschlossen worden und nahmen an dem Kongreß nur als Beobachter teilt).»ln Warschau forderten die Jugoslawen die Gründung einer neuen Gewerkschaftsföderation, welche den Mitgliedsorganisationen gestatten würde, ihre Politik und Mitarbeit bei anderen Gewerkschaften, ohne Rücksicht auf deren ideologische Einstellung, selbst zu bestimmen. Dies könnte eine größere, auf regionaler Basis beruhende Aktionsfreiheit der nationalen Verbände sichern, wodurch auch die auf einen Zentralismus hinzielenden Tendenzen der Führung des Weltgewerkschaftsbundes abgewehrt wären. Dieser jugoslawische Vorschlag fand bei verschiedenen Delegationen positiven Widerhall. Sowohl die italienischen wie auch die rumänischen Gewerkschaftsvertreter hatten schon vor dem Kongreß ähnliche Ideen propagiert. Die Haltung der Italiener zwang schließlich die Leitung des Weltgewerkschaftsbundes zur Anerkennung der Tatsache, daß durch die Entwicklung in Westeuropa für die Gewerkschaften eine neue Lage entstanden sei, die ernsthaft geprüft werden müsse. Auch wurde zugestanden, daß durch die Verschiedenheit dieser Entwicklung auch differenzierte Probleme erwachsen seien, die nur durch Maßnahmen gelöst werden können, die den spezifischen regionalen Bedingungen entsprächen. Es verdient. Aufmerksamkeit, daß. auch die unter der Führung von Constantin Dragan stehende rumänische Delegation als einzige osteuropäische Abordnung die Tätigkeit des Weltgewerkschaftsbundes mehrmals scharf kritisierte. Ueber die Finanz fragen wurde allem Anschein nach auf de(n Kongreß nur wenig gesprochen. Dies fiel um so stärker auf, als die Organisation in eine gewisse prekäre finanzielle Lage geraten war, die durch die schon vor längerer Zeit erfolgte Einstellung der Zahlung ihrer Mitgliedsgebühren seitens der Chinesen und ihrer Satelliten verursacht worden war. Das polnische Parteiorgan «Trybuna Ludu» berichtete, daß diese Schwierigkeiten überbrückt worden seien. Es ist aber nach der am Kongreß von den Chinesen eingenommenen Halitung kaum anzunelunen, daß diese bereit sind, dem Weltgewerkschaftsbund ihre sieh seit 1962 anhäufenden Schulden zu bezahlen. Neuwahlen i Das einzig interessante und überraschende auf. dem Kongreß war eigentlich der Wahlausgang fürdas Sekretariat und das Exekutivkomitee. Während der chinesische Vizepräsident des Weltgewerkschaftsbundes, Liu Tscheng-scheng, und das Sekretariatsmitglied Tsehen Yi, trotz der Weigerung Chinas, seine Mitgliedsgcbühren an die Organisation zu zahlen, wiedergewählt wurden, lehnte der Kongreß die Wiederwahl des Präsidenten des Albanischen Gewerkschaftsbundes, Nushi Gogo, in das Exekutivkomitee ab. Er wurde durch den prosowjetischen indischen Kommunisten S. H. Dange ersetzt. Es ist anzunehmen, daß Moskau die Chinesen deswegen in die Leitungsgremien der Organisation wiederwählen ließ, um so eine endgültige Spaltung zu vermeiden. Der bisherige Präsident der Organisation, der Italiener Renato Bitossi, sowie der stark umstrittene französische Generalsekretär Louis Saillant und dessen Stellvertreter Pierre Gensous wurden wiedergewählt, was als ein ausgesprochener Sieg der Sowjets gewertet werden muß. Das bisher aus zehn Mitgliedern bestehende Sekretariat wurde auf folgende acht Personen reduziert: Viktor Podzerko (UdSSR), Luis Padilla (Chile), Edwin Hleboun (CSSR), Raul Silvestri (anstatt Umberto Scalia, Italien), Stana Dragoi (Rumänien), Tsehen Yi (anstatt Kang Yung-ho, China), Setiati Surasto (Indonesien) und Mohammed Al Said Mohammed (anstatt Ibrahim Zakaria, Sudan).
English translation
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Moscow's quarrel with Peking. Soviet-Chinese controversies at the World Trade Union Congress. T. R. The Communist World Trade Union Congress, recently concluded in Warsaw and attended by about 600 delegates from 98 countries, was overshadowed by the Soviet-Chinese conflict. The Chinese stubbornly maintained their position in Warsaw. They demanded that the World Federation of Trade Unions openly profess itself a revolutionary organisation operating on the basis of class struggle and the most active force in the struggle against 'imperialism'. They accused the Soviet Union and the leadership of the organisation of having betrayed world revolution and the interests of the proletariat through the theses of coexistence. They were supported above all by the Albanian, but also the Indonesian, Ceylonese and North Korean delegations. The aggressive attitude of the Chinese and Albanians provoked a sharp reaction from the pro-Soviet majority of delegates. There were heated scenes when the Soviet delegate Pimenov tried to shout down the Albanian Qiumo Kocani and even to push him from the rostrum. During the speech of the Chinese chief delegate Kang Yung-ho there were interjections such as 'Out with him!' and 'Strike him down!'. The Soviet chief delegate Grishin was particularly impatient and combative when the Albanian Kocani asked to speak again. This openly displayed Russian-Chinese hostility disturbed the efforts of the WFTU leadership to save face and at least outwardly feign the unity of the movement. It remains to be seen how this will affect the WFTU's activity in future. In any case, both the Soviets and the Chinese took care not to carry their mutual feud to a final break. After Peking's envoys recognised that they stood rather isolated, they began cautiously to prepare a retreat. Their threat to split the congress and the movement itself proved to be the cry of a paper tiger.
Disputed statute amendment. As regards the intended amendment of the organisation's statutes, no agreement could be reached despite 43 sessions held since June. The main obstacle was the question of the autonomy of the member organisations, the future structure and the voting procedure. While the Chinese rigidly demanded unanimity, the Russians pleaded for the majority principle. Other delegations demanded that each country should in future have only one vote. The problem of restoring the unity of the international trade union movement also remained unresolved. Substantial differences continue among Communist trade union leaders about how to approach the International Confederation of Free Trade Unions, the Christian international and the various regional centres of the non-European trade unions.
A Yugoslav initiative. A remarkable proposal on the regional autonomy of trade unions was made by the Yugoslav delegation (the Yugoslavs were excluded from the WFTU in 1950 after the Tito-Stalin break and took part in the congress only as observers). In Warsaw the Yugoslavs called for the founding of a new trade union federation that would allow member organisations to determine their own policy and cooperation with other trade unions regardless of their ideological orientation. This could secure greater freedom of action for national federations on a regional basis, thereby also warding off the centralising tendencies of the WFTU leadership. The Yugoslav proposal found a positive echo among various delegations. Both the Italian and Romanian trade union representatives had already propagated similar ideas before the congress. The Italians' attitude finally forced the WFTU leadership to recognise that developments in Western Europe had created a new situation for the trade unions that must be seriously examined. It was also conceded that the diversity of these developments had given rise to differentiated problems that can only be solved by measures corresponding to specific regional conditions. It deserves attention that the Romanian delegation under Constantin Dragan was the only East European delegation to criticise the WFTU's activity sharply several times. Financial questions were apparently discussed little at the congress. This was all the more striking as the organisation had fallen into a certain precarious financial situation caused by the Chinese and their satellites having stopped paying membership fees some time ago. The Polish party organ Trybuna Ludu reported that these difficulties had been bridged. But after the attitude the Chinese took at the congress it is hardly to be assumed that they are prepared to pay the WFTU their debts accumulating since 1962.
New elections. The only interesting and surprising thing at the congress was in fact the outcome of the election for the secretariat and executive committee. While the Chinese WFTU vice-president Liu Cheng-sheng and secretariat member Tsehen Yi were re-elected despite China's refusal to pay its membership fees, the congress rejected the re-election of the president of the Albanian trade union federation, Nushi Gogo, to the executive committee. He was replaced by the pro-Soviet Indian Communist S. A. Dange. It may be assumed that Moscow had the Chinese re-elected to the leadership bodies in order to avoid a final split. The previous WFTU president, the Italian Renato Bitossi, as well as the highly controversial French general secretary Louis Saillant and his deputy Pierre Gensous were re-elected, which must be regarded as a distinct Soviet victory. The secretariat, previously ten members, was reduced to the following eight persons: Viktor Podzerko (USSR), Luis Padilla (Chile), Edwin Hleboun (Czechoslovakia), Raul Silvestri (instead of Umberto Scalia, Italy), Stana Dragoi (Romania), Tsehen Yi (instead of Kang Yung-ho, China), Setiati Surasto (Indonesia) and Mohammed Al Said Mohammed (instead of Ibrahim Zakaria, Sudan).